Uwe Ruprecht. Anmerkungen

 

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Trotzki in der Küche – Eine Weihnachtsgeschichte

Wenn es draußen den ganzen Tag nicht hell wird, kauern sich die Menschen in den warmen Stuben zusammen. Einiges von dem, was sie dort treiben, geschieht angeblich – in spirituellen Dingen ist der Menschheit nur bedingt zu trauen – zum Lobe ihrer Gottheit.

Die Seele des Menschen ist wie eine misshandelte Katze, behauptete eine bejahrte Artgenossin, die wir im Tierheim trafen, wo man uns Neugeborene vor den Folgen irgendeiner menschlichen Achtlosigkeit rettete. Über das Klettern und Jagen lernten wir im Käfig nicht viel, um so mehr aber über Philosophie. Das gab uns einiges an Gelassenheit mit, um es dauerhaft unter den Menschen zu ertragen.

Unser derzeitiges Revier liegt in einer anscheinend großen Stadt, dem Verkehrslärm nach und wie wir aus den ausschnittweise vom Dach zu erspähenden umlaufenden Straßen schließen, die sich bei klarem Himmel in ein unabsehbares Häusermeer erstrecken. Der Dachgarten ist mit Pflanzen bestückt, auf denen wir uns selbständig im Jagen von Insekten und Vögeln üben können.

Das Revier gehörte schon einmal einem Artgenossen. Die Spuren, die wir allenthalben entdecken, sind untrüglich. Fraglich ist jeweils nur, inwieweit sie Erinnerungsspuren der Menschen sind oder Überreste von Tatsächlichem. Tatsächlich gibt es kaum eine Stelle des Reviers, an dem wir keine Spuren finden. Nur einige wenige, unseren jungen biegsamen Körpern noch zugängliche Stellen, waren frei vom Atem des Vorgängers. Gemiedene Orte erspürten wir nicht.

Uns zeigte dieser Überfluss an Zeichen ohne Weiteres an, dass die Menschen, mit denen wir es zu tun haben würden, uns nicht vorsätzlich einsperren und in der Freiheit beschränken würden. Von den Menschen an sich abgesehen, ist das Leben also einigermaßen erträglich.

Der Vorbewohner des Reviers soll, dem Vernehmen nach, Bakunin geheißen haben. Eine absonderliche Laune. Dass man uns Wassili und Trotzki nennt, ist ein Mysterium, das zu ergründen wir getrost außer Acht lassen können. Hat man je gehört, dass eine Katze anders als mit Verachtung auf die Bezeichnung mit einem Namen reagiert?

Manchmal gelingt es Menschen, uns bei unserem wahren Namen zu nennen, meist aber erkennen sie es nicht, wenn sie die korrekte Lautfolge zufällig treffen. Besser so, denn sie würden unsere Eigensinnigkeit in Gefahr bringen, wüssten sie uns artig anzusprechen. Einigen gelingt die Kommunikation mit den Händen. Manche verstehen die Kratzer als Antwort.

Zuweilen können Menschen recht unterhaltsam sein, wenn sie in Gruppen auftreten und man sich nicht mit einem allein allzu ausgiebig aufhalten muss. Noch waren es nie so viele Menschen im Revier, dass wir nicht reichlich Platz gehabt hätten, ihnen zu entkommen.

An diesem Abend, an dem sie sich bei uns zusammenkauerten, um der Kälte, die in dieser Nacht anstieg, zu entfliehen, waren es gerade so viele, dass sie in der Küche passten und den Rest des Reviers uns überließen – bis auf gelegentliche Ausflüge, von denen wir einige zuließen, andere nicht.

Wir spielten mit dem Dichter aus der Provinz und dem springenden Gummiball im Korridor, während die seltsam verzwickten Gespräche in der Küche begannen.

War es nicht Huizinga, der das Konzept vom Menschen als Homo ludens als erster kultivierte wie einen Gedankengarten? Die Bücherregale, mit denen die Zimmer im Revier reichlich bestückt sind, sind so gebaut, dass wir mit Mühe nur die mittlere Ebene erreichen können, indem wir Absprung von einem Stuhl, vom Fensterbrett oder einem Waschbecken nehmen. Der Huizinga steht nicht in einem erreichbaren Sektor, um es mit einem Sprung herauszureißen, um am Boden einige Passagen nachzuschlagen. Dass er in einem der oberen Regale im Salon steht, ist als sicher anzunehmen. Die Bibliothek des Reviervorstehers ist so umfangreich wie ordentlich sortiert.

Weniger Menschen als sie selbst gemeinhin annehmen, verstehen zu spielen. Sie konzentrieren sich beim Spiel auf den Gewinn, der ihre Überlegenheit unter Beweis stellen soll, statt das Spiel selbst zu achten. Über die Menschen, die unser Revier regelmäßig heimsuchen, lässt sich immerhin sagen, dass sie das Spiel um seiner selbst willen zu schätzen wissen.

Wir hatten den Dichter mit seinem Ball allein gelassen und trieben uns zum Schein am Futternapf zwischen den Beinen der Küchengäste herum, die mit Fußball und Begriffen jonglierten.

Da Menschennamen wenig besagen und keine Not besteht, sie damit anzureden, bezeichnen wir sie untereinander mit Eigenarten, die zugleich das seltsame Gemenge der vorherrschenden Spielrichtungen hinreichend illustrieren.

Im Televisor wurde stumm das Match des HSV gegen einen Baseler Club gezeigt, ohne dass jemand an dem Gekicke sonderlichen Anstoß nahm; Eric Burdon sang von der Befreiung aus dem Ghetto Tobacco Road, und niemand hörte es. Die Philosophin erzählte einen jüdischen Witz, während die drei Fußballfanatiker, von denen einer ein mehrstrophiges Poem über einen Gott des Spiels vortragen sollte, sich über den Stil eines vergessenen Mittelstürmers stritten, und die beiden Fußballphilosophen, die ihr Brot als Journalisten verdienten, gleichzeitig dem Betriebsrat und der Bibliothekarin zuhörten.

Wie der Gummiball sprangen die Gespräche hin und her; vielleicht etwas berechenbarer als jener. Unsere Beteiligung bestand in Ausrufezeichen. Wir passten einen Moment ab, um einem auf den Schoß zu springen, an Schuhen zu knabbern oder zu einer bestimmten Stelle auf dem Tisch zu schleichen und uns dort niederzulassen. Wir schlossen Wetten ab, wer unsere Ansage verstehen würde.

Leider ist das Verhalten der Menschen meist zweideutig. Auf klare Zeichen kriegten wir selten eine klare Antwort. Nach dem jeweiligen Vorstoß, bei dem die Schwierigkeit bestand, den zugreifenden Händen rasch zu entkommen – oder auch nicht – stritten wir uns stets, wer die Wette gewonnen hatte. Einig waren wir uns nur einmal.

Man hatte das Image eines Pressesprechers erörtert, mit dem wenigstens drei am Tisch zu schaffen gehabt hatten, und die Rolle solcher Arbeitsstellen bei der Verschleierung der Wirklichkeit, indem alle Fragen bereitwillig beantwortet werden, mit denen die Medien sich gemeinhin begnügen, um keine anderen gestellt zu bekommen, während es beim HSV gegen Basel weiterhin 0:0 stand und Eric Burdon seinen Pakt mit dem Teufel beschloss, als der seltene Fall beschrieben wurde, wo jemand, statt unbeirrt eine unhaltbar gewordene Position zu verteidigen, deren Schwäche eingestand und, ohne sie gleich mit fliegenden Fahnen zu räumen, die Beharrlichkeit seiner Überzeugung ohne Vernunftgründe eingestand.

Die Philosophin berichtete den unerhörten Vorfall von einer Tagung in einer ausländischen Stadt. Man wusste dort anscheinend – in spirituellen Dingen ist der Menschheit nur bedingt zu trauen –, dass Bockigkeit keine Tugend ist und es klüger sein kann, eine Anschauung zu wechseln statt sie mit Stacheldraht zu umzäunen.

Im assoziativen Sprung gelangte das Küchengeplauder zur Titelkultur in jener Stadt, in der ein akademischer Grad am Türschild nicht Eitelkeit oder Hochstapelei signalisiert, sondern als Zugehörigkeit zur Schicht der geistigen Arbeiter verstanden wird. Einer geistigen Arbeit, die sich nicht in Zins und Zinseszins ausdrückt. Grundlagenforschung in der Physik mag als Nährboden für Kommerz inzwischen gelten dürfen, im Intellektuellen an sich ist der zwecklose Gedanke den Menschen verdächtig.

Wenigstens als Schreckensvision oder Utopie in Buch- oder Feuilletonform muss das Gedankenspiel sich verdinglichen, um gelten gelassen zu werden, und riskiert erst recht, von den Zensurbehörden kassiert zu werden, die hinter jedem freien Gedankenaustausch staatsgefährdende Umtriebe wittern. Ein Gedankenspiel, das die Öffentlichkeit nicht als Bühne sucht, muss in diesem Vorstellungsvisier einen anderen Zweck haben, und der kann demnach nur lichtscheu sein.

Wenigstens als Televisor-Unterhaltung muss sich die geistige Arbeit rechtfertigen lassen, wie bei jenem Philosophen, der einst einer Generation von Studenten einen Weg gewiesen hat, und inzwischen aus Ideen, die für einen Essay gereicht hätte, Prachtbände mit Aphorismen und Abbildungen aufhäuft, deren Versatzstücke in soundsoviel Sendungen wiederholt werden können, ohne je den Anstoß zu erregen, selbst weiter zu denken. Am Ende siegt immer der Jargon, ein ausgeklügeltes Begriffsgezappel, das sich an allem und jedem versucht, aber mit keinem ganz zu Ende kommt, weil es fein für sich bleiben will.

Dieser Philosoph hat zuletzt wohl mit den heiligen Zorn der jungen Männer gestreift, der in Intervallen wieder kehrt, wenn eine Gesellschaft große Gruppen ganzer Generationen von den eigenen Werten ausschließt, ihnen in der Tobacco Road täglich im Televisor Träume vorhält, die ihnen lebenslang unerreichbar bleiben werden.

Wassili sprang auf die Schulter des Betriebsrats und knabberte am Brillenbügel, ich kippte ein halb volles Weinglas mit der Pfote und nippte daraus, bevor ich es umfallen ließ. In diesem Moment erschien der Dichter aus der Provinz in der Tür und warf mir einen Blick zu, bevor er Wassili zurief: „Du bist zu nah an den Ohren, so kann er dich nicht hören“, und ungefragt von einer Begegnung mit Eric Burdon in Altona zu erzählen anfing.

Erst jetzt bemerkte der Reviervorsteher, dass ich vor einer Stunde die Repeat-Taste gedrückt hatte. Auch weil es bei HSV gegen Basel weiterhin 0:0 stand, war das niemandem aufgefallen.

Wassili verdrückte sich aus der Küche – er ist der physischere von uns – und lag auf dem Sofa im Salon, um auf dem Bildschirm einem Kriminalfilm zu gucken. Der Kommissar inspiziert den Tatort, hat einen Gedankenblitz, der genau dem einen entspricht, den der Drehbuchautor hatte, und nun läuft er zwischen Büros und Wohnungen, Straßen und Fabrikhallen hin und her und kostet von den kleinen Leidenschaften der Menschen, um die Komposition zu erschmecken, die ihm die Leiche zum Auftakt beschert hat.

Wassili leckte sich gedankenverloren die Lippen, während der Kommissar zusah, wie ein dicker Gerichtsmediziner, in der Linken ein Butterbrot, mit dem Skalpell der Rechten in den Eingeweiden des rätselhaften Toten stocherte.

In der Küche erörterte man Tierrechte, und ich kam gerade richtig, etwas über jene fremde Stadt zu erfahren, um das positive Vorurteil zu revidieren, das ich mir zu bilden bereit gewesen war. Die Philosophin berichtete, dort mehrfach dem Verdacht begegnet zu sein, die geographische Bezeichnung im Namen einer Organisation sei zureichender Hinweis auf eine suspekte Haltung.

Die Blödheit des Menschen ist unausrottbar. Was seine Blödheit ausheckt, entzieht sich aller Vernunft und gehört zu ihm wie sein genetischer Code. Blödheit ist der unbestreitbarste Bestandteil der Conditio humana. Hat sie etwas ausgekocht, wird es bis zum Boden des Topfes ausgelöffelt, egal wie scheußlich es schmeckt, und als hätten sie sogar stets Hunger danach.

Das Leben ist voller Lücken, voller Misshelligkeiten, die nicht mit den Überzeugungen übereinstimmen, die man vom Leben und seiner Bestandteile hat. Die Menschen verheeren sich am liebsten damit, im Vollbesitz ihrer Widersprüche, die vollkommene Kongruenz der Überzeugungen mit dem Leben zu suchen.

Zwischen Adorno und Fußball, Zuhälter-Philosophen und Eric Burdon schnappte ich ein Wort auf, das den Eindruck, den mir die meisten Menschen machen, treffend charakterisierte. Die Philosophin reservierte das Wort, das sich von einem begabten Feuilletonisten leicht zu einem Begriff aufblähen ließe, verstand ich es Recht, für jene Blöden, die vor nichts mehr Angst haben und zurückzucken als vor eigener Begriffsbildung und jeden der Fallenstellerei verdächtigen, der sich der Mühe unterzieht.

Wie Automaten kommen mir die Menschen in der Mehrzahl vor. Und selbst wir sind nicht gefeit dagegen, je länger wir Umgang mit den automatenhafteren von ihnen haben. Wassili vor dem Televisor ist das beste Beispiel, und ich hielt es ihm umgehend vor.

Er fauchte mich aus dem Mundwinkel an. Der Kommissar konfrontierte soeben einen Verdächtigen mit einem Stück aus dem Brustkorb des Verstorbenen in einer durchsichtigen Plastiktüte, und der Verdächtige brach weinend zusammen und erbrach ein Geständnis. Verächtlich wandte ich mich von Wassili ab und sprang auf das Geländer der Dachterrasse, um balancierend den bescheidenen Begriff der Menschen von Freiheit zu erwägen.

Die Nacht verbrachte ich mit dem Dichter aus der Provinz, der sonst einsam schläft. Die Krallenspuren an den Händen und die eine auf dem Rücken wird er noch tagelang spüren.

24.12.07 11:52
 



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