Uwe Ruprecht. Anmerkungen

 

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Formen der Auseinandersetzung

Es sei „zum Kotzen“, dieses Interview – denn man spricht nicht mit „Hirnkranken“. Der Interviewte „gehört in den Knast“, und basta. Schreibt Helmut Lölhöffel im blick nach rechts über ein Gespräch, das Michel Friedman mit Horst Mahler geführt hat.
„Man spricht nicht mit Nazis“, dekretiert Lölhöffel. Und als wäre ihm noch rechtzeitig eingefallen, dass er damit Journalisten, die gelegentlich für den blick nach rechts arbeiten und es für angebracht halten, mit denen zu reden, über die sie schreiben, in den Rücken fällt, schiebt er nach: „Jedenfalls nicht mit solchen wie Mahler.“ Kategorische Imperative mit Ausnahmen richten sich selber, auch der von Lölhöffel.
„Es kann nicht gelingen“, befindet Lölhöffel, „Neonazis bloßzustellen und zu entlarven, indem man sie zu Wort kommen lässt. Die Auseinandersetzung muss anders geführt werden.“
Was denn nun – Nazis oder Neonazis? Ich habe mir angewöhnt, den Unterschied nicht zu verwischen: Nazis sind jene, die leibhaftig und tatkräftig teilhatten am Dritten Reich; Neonazis jene, die ihnen nacheifern. Im Zweifelsfall heißt das, die einen haben Verbrechen begangen, die anderen träumen davon.
Auch Kriminalschriftsteller träumen von Verbrechen und der Hartz-IV-Bezieher von nebenan erzählt immerzu von dem Banküberfall, den er eines Tages begehen wird. Erlaubt mir Lölhöffel, mit den Verbrechern, denen ich ein Jahrzehnt lang im Gerichtssaal begegnet bin, zu reden? Oder sind das auch Unpersonen?
(Man könnte ja mal eine Tabelle zeichnen, mit wem wer reden darf und wer mit wem nicht. Ich dachte immer, das sei das Lebenselement der Demokratie: jeder kann mit jedem reden – oder auch nicht, ganz nach eigenem Gusto.)
Dass die deutsche Historiografie es über Jahrzehnte versäumt hat, mit Nazis zu reden, hat unter anderem dazu geführt, dass das Wissen über deren persönliche Täterschaft höchst bruchstückhaft ist. Und die Justiz, die manchen von ihnen in den Knast hätte schicken können, hat es nicht getan. Etwas zu ignorieren ist selten eine angemessene Form der Auseinandersetzung.
Dass es „nicht gelingen“ kann, „Neonazis bloßzustellen und zu entlarven, indem man sie zu Wort kommen lässt“, ist ein fürchterliches Diktum. Ich sehe schon die Kommentare auf einschlägigen Websites vor mir: der blick nach rechts sagt, Neonazis sind argumentativ so auf der Höhe, dass man sie nicht zu fassen kriegt. Vielleicht sollte Lölhöffel probehalber mal mit einem reden. (Bloßstellung und Entlarvung, auf welche Art auf immer erreicht, schreckt Neonazis wenig. Das besorgen sie doch nach Kräften selber.)
Lölhöffel meint etwas ganz anderes, und das macht das Diktum um so gräulicher. Für ihn sind Neonazis „Hirnkranke“. Psychiatrie und Knast wären demnach die angemessenen Umgangsformen. Derlei Mittel haben die Dissidenz in DDR und UdSSR auch nicht aus der Welt geschafft – um keine anderen Vergleiche zu ziehen.
Die Kriminalisierung des gesellschaftlichen, sozialen und politischen Phänomens des Neonazis ist nicht neu, und sie hat, wie nicht nur das Beispiel Mahler zeigt, wenig gebracht. Straftäter sind verurteilt worden oder auch nicht, aber die gesellschaftliche Potenz der Neonazis ist eher gewachsen. In Lölhöffels Erregung schwingt seine Frustration nach.
(Es gibt doch tatsächlich Leute, die erzählen einem von ihrem jahrzehntelangen antifaschistischen Kampf und wie erfolgreich er gewesen sein soll. Wieso führen sie ihn dann immer noch und auf die gleiche Weise? Erfolglosen Antifaschismus hat es demnach nicht zu geben. Manchmal freilich kann es heilsam sein, sein Scheitern einzugestehen und es anderweitig neu zu versuchen.)
„Die Auseinandersetzung muss anders geführt werden“, schreibt Lölhöffel. Ja, wie denn? Mit einem Verbot der NPD, der höchsten Form von Ignoranz, die in seinen Kreisen stets wieder neu diskutiert wird?
Fürchterlich an Lölhöffels geschichtsvergessenem Beitrag ist, dass das Objekt seines Hasses das alles schon einmal andersherum erlebt hat. Als Linker und Mithelfer der RAF. Damals schrieb die BILD über Günter Grass wie der blick nach rechts über Horst Mahler; Franz Josef Strauß prägte das Wort von den „Ratten und Schmeißfliegen“; manche kamen für kürzer oder länger in den Knast, mit denen auch nur zu reden verdächtig war.
Seinerzeit hat Mahler sich tatsächlich strafbar gemacht und Grass blieb in Freiheit. Was sie verbindet ist, dass sie von Publizisten zu Unpersonen erklärt wurden. Sollte das ein Mittel der Auseinandersetzung sein, täte man Mahlers Werk.
Lölhöffel fürchtet, ein Gerichtstermin gegen Mahler könne diesem ein Podium bieten. Geht wohl nicht anders, es sei denn das Gericht tagt hinter verschlossenen Türen. Oder man begreift endlich, dass Polizei und Justiz nicht die ersten und einzigen, sondern die letzten Mittel der Auseinandersetzung sein sollten.
Aber selbst in scheinbar aufgeklärten Publikationen wie dem blick nach rechts fällt den Verantwortlichen nicht Gescheiteres ein. Dass sie sich selbst damit überflüssig oder bestenfalls zum Zulieferer für die Behörden machen, die verkappte Polizeiberichte verfassen, begreifen sie nicht. Journalisten, die mit bestimmten Leuten keine Interviews führen dürfen – soll es auch schon mal gegeben haben.
Lölhöffel hätte stattdessen darüber nachdenken können, ob Michel Friedmans Serie von Interviews mit Neonazis für Vanity Fair nicht nur Kasperletheater, sondern eine Spielart des Antisemitismus sind, der viel mehr über den Zustand der Gesellschaft aussagt, als was immer sich über Horst Mahler schimpfen ließe. Vielleicht sollte der Blick einfach nicht mehr so stur nur in die rechte Ecke gehen, um dort das Böse zu bannen.

13.12.07 13:00
 



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