Uwe Ruprecht. Anmerkungen

 

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Erinnerungsschub eines alten Mannes

Die Partei „Die Linke“ hat nicht viel Zeit verloren, um nach Wiedereröffnung dieses Weblogs erneut das Denunziationsrad zu drehen. Wahrscheinlich ist es damit wie mit all ihren Aktivitäten: Sie wissen nicht, was sie tun.
Inzwischen sollten sie gelernt haben, dass Verleumdungen mich bestenfalls amüsieren. Für mehr als Heckenschützerei reicht es nicht. Lauter kleine Feiglinge, diese „Linken“.
(Ich werde die wenigen Leser dieser Zeilen nicht mit Einzelheiten aufhalten; erst gestern Abend habe ich mit einem kurdischen Bekannten darüber gelacht.)
In mancher Hinsicht erinnern sie mich an die Schanzenkrieger. Achtung, jetzt kommt eine Veteranengeschichte. Vielleicht ist das der Unterschied zwischen den „Linken“ von Stade und Buxtehude und ihrem einzigen ernsthaften Kritiker: mein Erfahrungsvorsprung im linken Milieu (das in der Provinz ohnehin eine sehr begrenzte Reichweite hat).

*

Mit Gegenstimmen aus den eigenen Reihen gehen Linksbündler mit geringem politischem Reflexionsvermögen stets besonders schonungslos um. Die Redaktion der taz-hamburg, für die ich zwischen 1982 und 1990 arbeitete, konnte dazu mehrfach ein Klagelied singen.
In jener Epoche musste man sich als „linker Journalist“ Zutritt zu Pressekonferenzen erschleichen und durfte froh sein, am Katzentisch Platz nehmen zu dürfen. Mein Kritikerplatz im Schauspielhaus wanderte peu à peu vom Oberrang ins Parkett.
Journalisten, die ihren Beruf als Berufung begreifen, sitzen immer zwischen den Stühlen. In jenen Tagen wurde ein inzwischen verstorbener Redakteur von Kundschaft aus der Hafenstraße ins Krankenhaus geprügelt. Zuweilen fackeln bestimmte Linke so wenig wie ihre rechten Zwillinge und kriegen den Vernichtungswillen.
In jenem Jahr 1988 geriet ein Fotograf, der sich „hans-karl“ nannte, mit „urian“ in das wechselseitige Steinewürfen zwischen aufmarschierten Neonazis und Gegendemonstranten. Das freundliche Feuer im Rücken war mindestens ebenso übel wie das von vorne.
Außer dem taz-Reporter war bei solchen Anlässen niemand zugegen, galt Rechtsextremismus für die übrigen Medien der Hansestadt als Phänomen, das verschwindet, wenn man nicht darüber redet. Obwohl bereits 1985 Ramazan Avci auf offener Straße am hellichten Tag unweit der Kunsthochschule von Skinheads erschlagen worden war.
Linke wie Rechte stürzen sich bisweilen nicht auf die, gegen die anzutreten sie vorgeben, sondern verbeißen konkurrierende Ansichten aus dem eigenen Milieu. Das liegt in der Natur des Rudels am Rand. (An mancher von den Hafenstraßen-Legenden auf St. Pauli habe ich mich selbst schuldig gemacht.)

*

Vor 19 Jahren erwischte mich schon einmal ein links drehender Plumpssack. Eine Parallele zur Gegenwart ist aufdringlich. Damals wie heute missfiel ich solchen, die meinen, Politik machen zu müssen, auch wenn ihre Kenntnisse auf gelegentliche Zeitungslektüre, ausgiebigen TV-Konsum und halb vergessene Internet-Funde beschränkt sind. Die partout nicht hören wollen, wie schädlich ihre talentlose Ahnungslosigkeit für sich und andere ist.
(In Die Warzenentenzüchter, Aspekte politischer Vereinsmeierei, Abhandlung in Anmerkungen, Stade 2006/07, Abschnitt 3, Kapitel 5, entdecke ich eben die Fußnote, wonach in der Ausgabe vom Freitag das Neue Deutschland über Bremen berichtet, was Leser der Lokalpresse und dieses Weblogs seit langem von Elbe-Weser wissen: „Buchhaltung aus dem Schuhkarton“, Intrigenstadl, Sitzungsmarathons in eigener Sache – aber keine Spur von politischer Arbeit.)
Zurück zur Geschichte: Ich hatte einen Artikel über den aktuellen Stand des gerade einsetzenden politischen Ringens um die Flora im Schanzenviertel verfasst. Das Gebäude sollte abgerissen werden, um an seiner Stelle jenes Musical-Theater zu errichten, das heutigentags an der Stresemannstraße aufragt. Der Bau hätte das Quartier unwiderruflich zerstört.
Jenen Widerstand, der später in Straßenschlachten mündete, gab es noch nicht. Noch wurde versucht, den Abriss mit denkmalschützerischen Argumenten zu verhindern.
Weil ich mich als Letzter in der Redaktion mit dem Thema beschäftigt hatte, wurde ich als Berichterstatter zu einem Treffen entsandt, bei dem über Widerstandsmaßnahmen beraten werden sollte.
Inmitten der in schwarzes Leder gewandten Gestalten fiel ich sofort auf. Ich trug einen Ledermantel der 50er-Jahre in Braun, der bei erstaunlich vielen Leuten Gestapo-Assoziationen aufkommen ließ.
Weniges widert mich mehr an als Uniformen und ihre Tarn-Version als Kleider-Codes. Diejenigen, denen der Mantel genügte, konnte ich gleich wieder vergessen. Die interessantesten Begegnungen im Mantel waren jene, bei denen ich für die aufgesetzte Ironie nur ein mitleidiges Lächeln erntete.
Während man zögerlich beriet, hielt man mich misstrauisch im Auge. Bei einem solchen Treffen stellt niemand sich mit Namen vor, und es geben sich keine Führer zu erkennen, bei denen man sich anmelden könnte.
Bevor ich Gelegenheit bekam, meine Funktion zu erklären, überhäuften mich die Blicke – aber niemand fragte einfach, wer ich denn sei. Wenn ihr das so haben wollt, dachte ich mir, kann ich die Rolle spielen; euch muss das peinlicher sein als mir.
Es dauerte nicht lange, bis man eifrig nach „Aktion“ rief und die Versammlung sich darauf konzentrierte, „Aktionsformen“ zu erörtern.
Man bildet sich als Journalist die ganze Zeit ein, irgend jemand würde das Zeug, das man verfasst, lesen. In diesem Kreis, der großformatige „Aktionen“ gegen den Abriss der Flora ins Auge fasste, erwartete ich mit Recht, wie ich bis heute glaube, dass man immerhin über den letzten Stand der politischen Bemühungen im Bilde hätte sein sollen. Und dafür gab es nur eine einzige öffentliche Quelle.
Die Versammlung spekulierte lange darüber, wie es mit dem Denkmalschutz bestellt sei, und mancher meldete sich mit überholten Informationen zu Wort. Wer meinen wenige Tage alten Artikel gelesen hatte, behielt es für sich. „Aktion“ blieb das Wort des Abends.
Ältere Herren, die andere Verantwortung hätten zeigen können, taten sich als Aufpeitscher hervor. Inzwischen selbst ergraut finde ich es nach wie vor gruselig, wenn jemand anderen zu Taten rät, vor denen er sich selbst hütet.
Endlich, nach einer Stunde etwa, fasste jemand Mut und fragte – wohl bevor er bei seiner Wortmeldung etwas Verschwörerisches gesagt hätte – in scharfem Ton, für wen ich spioniere. Ich antwortete militärisch knapp und fiel zurück in das Schweigen des Beobachters.
Eine Nacht später schrieb ich eine Glosse über die Schanzenkrieger, die vor allem gerne los marschieren und drauf schlagen. Nach den stattgehabten Straßenschlachten und der abgewendeten Zerstörung des Quartiers, halte ich Gewalt in welcher Form weiterhin für ein Mittel, das nie freiwillig in Betracht kommen sollte. Wenigstens sollte man sich bemüht haben, andere Optionen gehörig zu ventilieren, bevor man meint, zum einem Knüppel greifen zu müssen.

*

Am übernächsten Tag erreichte mich ein Brandanruf der Redaktion. Eine Delegation aus dem Schanzenviertel verlangte nach mir. Ich wohnte nur zwei Minuten entfernt und traf rechtzeitig genug ein, bevor vielleicht etwas zu Bruch gegangen wäre.
Es war kurz vor oder nach diesem Vorfall, dass autonome Tierrechtler die Redaktionsräume mit totem Geflügel und roter Farbe neu gestaltet hatten. Als freier Autor, der sich dort nicht aufhalten musste, konnte ich das eher sportlich sehen.
Die Tierrechtler beschwichtigte ich mit einer Reportage über den Tag der offenen Tür im Schlachthof, bei dem die Besucher dort entlang geführt wurden, wo sonst Schweine und Rinder ihrem Tod entgegen getrieben werden; auf dem Rollenthäuter wurde ein Transparent entrollt und rote Farbe verspritzt.
Wie im schlechten Western verhängten die Schanzenkrieger das Verbot, mich im Viertel blicken zu lassen. Als am selben Tag die Entscheidung anstand, wo das Abendessen einzunehmen sei, ging ich mit einem Freund in mein griechisches Stammlokal, auf der Ecke gegenüber der Flora.
Natürlich tauchte der Wortführer der Delegation der Schanzenkrieger auf und maß mich mit Blicken. Ihm war inzwischen wohl klar, dass mein Schweigen einen Preis hätte, den er nicht bezahlen wollte.

*

Während ich dies schreibe, erreicht mich ein Anruf und weist mich auf den Bericht der Lokalzeitung über die gestrige Kreistagssitzung hin.
Noch so ein „linker“ Fauxpas. Wie es scheint hat der Abgeordnete der NPD die Gelegenheit eines „linken“ Antrags genutzt, um über eine in Polen liegende Ortschaft, die auch im Artikel auf deutsch Goldap genannt wird, zu spekulieren, es handele sich, wie Gdansk und Szczecin, um „deutsche Städte wie Berlin – wir werden zu gegebener Zeit darauf zurückkommen“.
Dem Artikel nach war es nicht der linke Abgeordnete, der den Anstoß lieferte, welcher „den Konsens aller anderen Kreistagsabgeordneten dagegen hielt“, sondern ein gewisser Grüner, von dem sich sagen lässt, dass er eine Haltung nicht nur pro forma einnimmt und sich aus dem Staub macht, wenn sie gefordert ist.
Nicht, dass vom Abgeordneten der „Linken“ etwas anderes zu erwarten gewesen wäre. Man schickt keine Leute ohne Asbest ins Feuer. Nur „Die Linke“ tut das. Verheizen wird das wohl genannt.

11.12.07 20:35
 



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