Uwe Ruprecht. Anmerkungen

 

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Soweit die Füße tragen

Premiere eines Films über das Frauen-Arbeitslager in Horneburg

Adornos Diktum, nach Auschwitz könne kein Gedicht mehr geschrieben werden, ist überholt. Wahr bleibt daran, dass der Holocaust kein Sujet wie andere ist. Ihn zu leugnen steht bekanntlich unter Strafe. Gestern Abend hatte in Hüll ein Film Premiere, der die Verbrechen der Nationalsozialisten gewiss nicht bestreitet, aber subtil verleugnet, indem er damit ein vermeintlich „künstlerisches“ Allotria treibt.
Wege nach Horneburg bezieht sich auf ein Frauen-Arbeitslager als Außenstelle des KZ Neuengamme. „Bezieht sich auf“ ist das Äußerste, was sich über die Auseinandersetzung der Macher mit ihrem vorgeblichen Thema erkennen lässt. Ich selbst bin mit den historischen Einzelheiten nicht sonderlich vertraut – nach diesem Film habe ich den Eindruck, weniger zu wissen als vorher; als habe der Film die Eigenart, bereits vorhandene Kenntnisse auszulöschen.
Der Text des halbstündigen Opus besteht zu drei Vierteln, wenn nicht mehr, aus Gedichten einer mit 18 Jahren von den Nazis ermordeten Frau. Mit Horneburg hat sie nichts zu tun. Das allein wäre kein Einwand, wenn ihre Lyrik in irgendeiner anderen Art Aufschluss gegeben könnte über die Zwangsarbeit in Horneburg. Doch handelt es sich um Liebesgedichte.
Der Film suggeriert, die in den Gedichten anklingenden Jungmädchenträume hätten etwas mit den jungen Frauen zu tun, die in Horneburg misshandelt wurden. Mag sein. Dazu könnte einem manches einfallen, das der Film dann auch nicht zeigt. Jedenfalls erzählen die Zeitzeuginnen, die auch mal zu Wort kommen, nichts dergleichen. Anders sind die Vermutungen und Vorlieben der Filmemacher ebenfalls nicht begründet. Sie werden offenbar nur aufgestellt, um daraus Bilder zu gewinnen. Es hätten auch andere sein können. Andere Mutmaßungen, andere Bilder, andere Filmemacherträume.
Eine der Zeitzeuginnen sagt ausdrücklich, dass sie und ihre Leidensgenossinnen Holzpantinen getragen hätten auf dem Weg durch Horneburg von ihrer Baracke zur Arbeit und zurück. Das hallte weit auf dem Kopfsteinpflaster.
Historische Details interessieren die Filmemacher nicht. Ein einziges Bild, das so oft wiederholt wird, bis diese Einfallslosigkeit unerträglich wird, prägt den Film: Füße, die von links nach rechts oder von rechts nach links durchs Bild laufen. Füße mit allen möglichen Formen von Schuhen. Das sollen die Füße der Geschundenen sein. Wahrscheinlich werden die Macher sich auf „künstlerische Freiheit“ herausreden, warum sie sich ohne Not über die historische Wahrheit hinweg setzen. Sie achten gar nicht erst darauf.
Um das Motiv der Jungmädchenträume scheinbar zu vertiefen, werden den laufenden Füßen die Gesichter junger Frauen der Gegenwart überblendet. Gut genährte Wohlstandsgesichter, die wiederum nur die Einfälle der Filmemacher beleuchten, aber nicht das Elend, wovon zu fabulieren vorgeben wird.
Ein zweites, immer wiederholtes Bild soll den Arbeitsplatz der Frauen in Horneburg symbolisieren, eine Fabrik, in der Glühfäden für Radio-Röhren hergestellt wurden. Weil der Film ja ein „Essayfilm“ sein will und dokumentarische Aufnahmen ihm zu ordinär sind, wird nicht gar nicht erst versucht, den wirklichen Arbeitsplatz anzudeuten. Man lässt Hände mit den Innereien alter Radios spielen. Röhren werden mit den Fingerspitzen gedreht als handele es sich um Kostbarkeiten. Sähe so die Zwangsarbeit aus, müsste es sich um einen gemütlichen Job gehandelt haben. Mal abgesehen davon, dass die Frauen in Horneburg gar keine fertigen Röhren in die Hand bekamen.
Stimmen die eigenen Bilder schon nicht, geht die Abneigung der Filmemacher gegen authentisches Bildmaterial so weit, dass sie eine Modelleisenbahn durch eine Kiesgrube haben fahren lassen, um diesen Weg nach Horneburg zu bebildern. Einmal wird auch eine Aufnahme des Bahnhofs eingeschnitten, aber die identifiziert nur, wer Horneburg kennt. Mit profanen Erläuterungen gibt sich der „Kunstfilm“ nicht ab.
Leitmotiv und anscheinend das Einzige, was die Filmemacher von den Tatsachen annehmen, ist also der zwei Mal tägliche Gang der Zwangsarbeiterinnen von ihren Baracken zum Arbeitsplatz, mitten durch den Ort, in aller Öffentlichkeit. Ein deutscher Zeitzeuge erinnert sich, als Knabe den Zug der Frauen gesehen zu haben und sein Blick durch ein Astloch wieder dramatisch nachgestellt. Alle im Dorf haben es zur Kenntnis nehmen müssen.
Wer Horneburg kennt, kann es sich leicht vorstellen, kennt vielleicht sogar die Strecke genau. Wer den Film sieht, erfährt nicht mehr dazu, erhält nicht den Hauch einer bildlichen Vorstellung, wie öffentlich die Zwangsarbeit auf dem Dorf gewesen sein könnte. Dazu hätte man sich etwas einfallen lassen müssen, um es zu vermitteln – als laufende Füße zu Liebesgedichten. Die paar historischen Stadtansichten, die überblendet werden, stammen nicht aus den 40er-Jahren und zeigen menschenleere Gassen. Vielleicht hat also doch keiner etwas sehen können? Oder nur durch ein Astloch?
Ich wäre hoch erfreut gewesen, einmal etwas anderes als einen üblichen Dokumentarfilm zu sehen. Es wäre eine Herausforderung, andere Wege der Darstellung zu suchen und einen Filmessay (wie die Gattungsbezeichnung übrigens korrekt lautet) wert. An Geld hat es diesen Machern dem Vernehmen nach nicht gemangelt. Die geistige Mindestvoraussetzung wäre gewesen, sich auf sein Thema einzulassen.
Wege nach Horneburg wollte vor allem und fast ausschließlich einen eigenen Weg beschreiten. Dabei haben sich die Macher so weit vom Thema entfernt, dass man fast nur etwas über ihre eigenen Ambitionen erfährt. Kunst wollte man machen, unbedingt, als wäre das Wollen schon die Sache selbst.
Erreicht die Kunst nicht einmal den selbst gewählten Gegenstand, ist sie bestenfalls Kunsthandwerk. Doch auch dazu reicht es nicht. Mit einer halben Stunde ist der Film mehr als doppelt so lang wie er selbst bei völliger Ignoranz seiner Aussage sein dürfte. Sein Informationsgehalt ließe sich in fünf Minuten transportieren: Man würde die Zeitzeugen hören und die zwei oder drei Informationsblöcke. Der Rest ist „ästhetisches“ Gedudel.
Ich stelle mir vor, einer wie die Schüler, die als Fußgänger an dem Film mitgewirkt haben, hätte erstmals durch dieses Opus von dem Arbeitslager in Horneburg erfahren. Die Zeitzeuginnen vermitteln etwas davon, und ihnen hätte ich gern länger zugehört. Die Filmemacher verweilen nicht einmal auf ihren Gesichtern, sondern überblenden gleich wieder die laufenden Füße, ihr Bild, auf das sie so stolz sind. Die hypothetischen Schüler, vor denen man diesen Film hoffentlich fernhält, würden sich denken können, Holocaust wäre wohl nicht so schlimm gewesen, wenn dabei noch Gedichte entstanden.
Es sei „kein schöner Anblick“ gewesen, wiederholt der Horneburger Zeitzeuge mehrmals über die durch den Ort getriebenen jungen Frauen. Ob das wirklich alles ist, was ihm über sechzig Jahre später dazu einfällt und warum das so ist oder was es sonst noch über die Reaktion der Bevölkerung vor Ort zu sagen gäbe – damit hält der Film sich nicht auf. Vielmehr scheint er bemüht, selbst dieses vage Diktum zu dementieren und will aus der Zwangsarbeit „schöne“ Bilder gewinnen, wie seine Autoren sie mit Kunst verwechseln.
Das einzige Bild des Films, das nicht nur Tand ist, sind zum Auftakt die Aufnahmen vom Abriss der Lagerbaracken vor drei Jahren. Die Geschichte des Umgangs von Horneburg mit diesem „Schandfleck“ hätte allein einen Film gelohnt. Am Ende sieht man in diesem die eingeebnete Fläche.
Eine Art Abriss und Einebnung unternimmt der Film selbst, und seine Autoren haben schwerlich die Ironie ihrer eigenen Rahmenmontage begriffen. Vielleicht haben sie sich sogar eingebildet, damit eine Mahnung zu formulieren. Ihr Versagen trägt vielmehr zu dem bei, womit sie subjektiv gewiss nicht in Verbindung gebracht werden möchten.
Das ist die Crux des puren Kunstwollens, das nicht zur Kunst gereicht: Dass etwas entsteht, das man gar nicht gewollt hat, weil man sich schon über sein Wollen nicht klar genug war. Weil man nur gewollt, aber mit nichts gerungen hat, um zu einem Werk zu gelangen.

8.12.07 07:01
 



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