Uwe Ruprecht. Anmerkungen

 

* Startseite     * Über...     * Archiv     * Kontakt     * Abonnieren



* Themen
     Betrachtungen
     Pitaval
     Beobachtungen
     Die Linke
     Notbuch, opt.
     Verstreutes

* mehr
     über den Autor
     Impressum

* Links
     NEUER BLOG






Wortwahl

Zwei „Russen“ haben einen Taxifahrer entführt, lese ich in der Lokalzeitung. Steht so da, Russen in Anführungszeichen.
Das Wort und seine Kennzeichnung werfen mehrere Fragen auf.
Zunächst einmal die, ob die scheinbare Nationalität der Straftäter zur Sache gehört. „Deutsche haben einen Taxifahrer entführt“ wäre als Zeile offenkundig sinnlos. Die Entscheidung, die Nationalität hervorzuheben, ist in jedem Falle ein Diskriminierungsversuch – sofern die Tat nicht in irgendeiner Form durch die Nationalität erklärt wird. Das ist hier offenkundig nicht der Fall. Wenn deutsche Touristen einen Taxifahrer in Frankreich entführen oder ein Franzose in Deutschland einen Mord begeht – dann könnte man immerhin in Erwägung ziehen, dass die nationale Andersartigkeit von Beachtung wäre.
Hier handelt es sich außerdem nicht um Russen, sondern um solche in Anführungszeichen. Also eigentlich: Deutsche haben einen Taxifahrer entführt.
Freilich herrscht das Vorteil, Russlanddeutsche seien anfälliger für Kriminalität. Es herrscht auch im Verbreitungsgebiet der Lokalzeitung.
Anders als über die Integration von „Ausländern“, womit oft genug Sprößlinge aus Migrantenfamilien mit deutschen Pass gemeint sind, wird über das Eingegliedertsein von Russlanddeutschen beharrlich geschwiegen. Taucht diese Bevölkerungsgruppe in Medien auf, dann stets in Zusammenhang mit Verbrechen.
Auch die Lokalzeitung hat zum Thema keine näheren Erkenntnisse verbreitet. Als ich vor geraumer Zeit eine Recherche anstellte, waren es acht Prozent der Einwohner der Kleinstadt, in der sie erscheint. Die Haltung der Zeitung zu dieser unbekannten großen Minderheit (gegenüber welcher Mehrheit?) besteht aus Schweigen und der gelegentlichen Kennzeichnung als „Russen“, die Straftaten begehen.
Man hätte von Russlanddeutschen schreiben können und damit das Vorurteil gleichermaßen gefüttert. Man ging noch weiter und zitierte Volkes Meinung, wonach die Russlanddeutschen keine Deutschen, sondern Russen sind. Man vergaß nicht die Anführungszeichen, weil man auf den Anschein wert legt, sich diese Ansicht nicht zu eigen zu machen. Man denkt wie der Plebs, wahrt aber vornehme Distanz, wenn man redet wie er.
Es handelt sich sogar um eine doppelte Fremdheit, die in dem Artikel beschworen wird. Die „Russen“ nämlich kamen von weither, aus einem anderen Bundesland, und landeten nur zufällig mit ihrem Opfer im Verbreitungsgebiet der Zeitung. „Russen“ zwar, aber keine einheimischen.
Das Böse, wird der Leser ein weiteres Mal vergewissert, kommt von außerhalb und hat eigentlich nichts mit ihm zu tun.
3.12.07 18:35
 



Verantwortlich für die Inhalte ist der Autor. Dein kostenloses Blog bei myblog.de! Datenschutzerklärung
Werbung