Uwe Ruprecht. Anmerkungen

 

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Anderwelt

Aus Zephanje Meyrats unveröffentlichten Reportagen

Ich traf ihn in einer U-Bahnstation. Er hieß mich, mit ihm einen Zug zu besteigen. Einige Stationen später verließen wir die Bahn wieder und bestiegen eine andere.
Ich hatte im Internet von ihm erfahren. Trotz der Bemühungen großer Staaten, allen voran die Bundesrepublik, es zu reglementieren und unter die Kontrolle der nationalen Sicherheitsbehörden zu stellen, bot das weltweite Rechnernetz noch Platz für Abseitiges. Zwar wurden die technischen Zugangsmöglichkeiten nach Kräften beschränkt, aber das Unbotmäßige suchte sich immer wieder Schlupflöcher. Die Opposition war virtuell, verborgen in den nicht der deutschen Rechtsprechung zugänglichen Falten des Internet.
Seit dem so genannten „Linksruck“, der die Demokratischen Sozialisten in Berlin in die Regierung gebracht hatte, war die unsichtbare, die geistige Mauer um das Land rasch erhöht worden. Als Korrespondent einer französischen Zeitung bekam ich es sofort zu spüren. Meine Akkreditierung für die Bundespressekonferenz wurde gekoppelt an die Auflage, meine Berichte dem auf Initiative der DS neu eingerichteten Informationsministerium vorzulegen.
Die deutschen Kollegen fanden an den Maßreglungen nichts auszusetzen; sie waren über die Jahre daran gewöhnt worden, nichts zu veröffentlichen, dass nicht die Billigung der jeweiligen Machthaber fand. Meine Pariser Redaktion war zunächst empört, wies mich aber an, mich ins Unvermeidliche zu fügen. Unerwünschte Informationen, sofern es mir gelang, sie zu beschaffen, würden unter dem Namen eines Pariser Kollegen erscheinen, um meinen Status nicht zu gefährden.
Ich war entschieden gegen dieses Vorgehen, das die Einschränkung der Pressefreiheit widerstandslos hinnahm. Mein Gesuch um Versetzung wurde abgelehnt, also blieb ich unwillig in Berlin und lieferte Berichte, die sich immer weiter von der Wirklichkeit im Lande entfernten.
Während in der Hauptstadt die Stadtviertel voller Armer und Elender aller Couleur rapide wuchsen, gab sich Deutschland als Land ohne Arbeitslose aus. Der neuen Regierung war es erstaunlich leicht gefallen, die Legende in die Welt zu setzen. Die Meldung vom Rückgang der Arbeitslosenquote auf 2,3 Prozent, wie nebenbei auf einer Pressekonferenz des Amtes verkündet, wurde samt der wirtschaftswissenschaftlichen Begründung einvernehmlich von den Medien verbreitet. Die meisten Kommentare lobten Deutschland für diese Leistung, die sie ansonsten wie selbstverständlich hinnahmen.
Ein erfahrenerer Kollege aus Lateinamerika, mit derartigen Machenschaften vertraut, machte die Probe aufs Exempel und besorgte sich die Zahlen für den Bezirk Kreuzberg. „Haben sie mit deutscher Gründlichkeit erledigt“, erzählte er mit unverhohlener Bewunderung. „Kreuzberg hat zwar immer noch eine überdurchschnittliche Quote, aber auch die ist offiziell halbiert worden gegenüber den vorigen, mutmaßlich auch nicht astreinen Statistiken. Irgendwie haben sie es sogar geschafft, dass vor dem Arbeitsamt keine Schlangen mehr sind.“
„Aber das schafft die Leute doch nicht aus der Welt“, wandte ich kläglich ein.
„Aber es entzieht Ihnen die Grundlage der Berichterstattung“, grinste der Kollege. „Sie sind auf den Augenschein angewiesen, und der kann trügen. Außerdem sollten Sie inzwischen bemerkt haben, dass die Armen und Elenden in Deutschland nicht die Angewohnheit haben, auf der Straße herumzulungern. Die Manipulation der Zahlen ist doch nur möglich, weil sich das Elend versteckt. Sie finden doch kaum einen Arbeitslosen, der sich offensiv zu seinem Status als Weggeworfener bekennt. Sie begreifen sich selbst, der amtlichen Terminologie entsprechend, als Arbeitsuchende und haben das Urteil der Gesellschaft internalisiert, wonach sie sich für ihre Arbeitslosigkeit zu schämen haben. Ein britischer Bestsellerautor hat es in der knappen Stadtskizze eines Thrillers einmal auf den Punkt gebracht: ‚In Deutschland gibt es nur wenige Bettler, und diese wenigen bemühen sich meist um ein respektables Äußeres. Nur so können sie hoffen, ein paar Münzen von den Passanten zu ergattern.‘ Seit Jahrzehnten ist der unerklärte Krieg zwischen Arbeitsplatzinhabern und Arbeitsplatzsuchenden kultiviert worden. Die DS hat nicht von ungefähr mit ihrer Parole von Solidarität die Wahl gewonnen. Sie ist die perfekte Beschwichtigung des schlechten Gewissens der einen wie der anderen. Die einen delegieren ihre Solidarität an die Partei, die anderen glauben, die Partei kümmere sich um sie.“
„Und wenn die Lüge noch so offensichtlich ist?“
„Je größer, desto besser. Wenn Ihnen die Regierung sagt, es sei so – wie wollen Sie das Gegenteil beweisen? Da eine parlamentarische Opposition fehlt, die versuchen könnte, Akteneinsicht zu erzwingen, werden Sie allerhand Verdächtigungen vorbringen können, aber nichts davon wird die Chance haben, gerichtsfest zu werden. Bei kleinformatigeren Lügen könnten Sie eine Lücke entdecken, aber regierungsamtliche Operationen sind nur dann zu entlarven, wenn dabei grobe persönliche Schnitzer gemacht werden. Und die müssen Sie erst einmal entdecken. Was könnte das allenfalls sein? Ein Schreiben des Regierungschefs, in dem er einen ausdrücklichen Befehl zur Fälschung gibt? Da werden Sie vergeblich suchen.“
Dieser Fatalismus stachelte mich nur um so mehr auf. „Deutschland ist doch keine Militärdiktatur.“
Er lachte. „Das sind doch nur Namen. Was stellen Sie sich denn unter demokratischem Sozialismus vor? Als dieser Begriff aufkam, fragte ich die Leute danach, und die Antwort ist bis heute dieselbe geblieben. Eine Definition, die ich meinen Lesern in Südamerika vermittelt kann, haben sie nicht, aber sobald sie in die Details gehen, wie der demokratische Sozialismus die Welt verändert, wovon sie sehr wohl viele, wenn auch verschiedenste Vorstellungen haben, zitieren sie Beispiele aus der DDR. Und da wir nicht in Nicaragua oder Indien sind, ist es naheliegend, wenn eine Regierung den Sozialismus beschwört, in der DDR und im Dritten Reich nach Vorbildern zu suchen, den Vorgängerstaatsformen, die dasselbe Wort verwendeten.“
„Geschenkt. Aber das es so ganz ohne Widerspruch vonstatten geht, will mir nicht einleuchten.“
„Wie soll das Elend, das sich nicht auf der Straße blickt, sich organisieren können? Zu den erstaunlichsten Leistungen der DS gehört, mit der Vortäuschung, sich mit dem Elend überhaupt abgegeben zu haben, bei einer geringeren Wahlbeteiligung ausreichend Stimmen aus dem kleinbürgerlichen Lager erhalten zu haben, die das Elend am meisten fürchten und der Versprechung, sie davor zu bewahren, stets unbedingten Glauben schenken und nicht dazu neigen, das, was ihnen laut und lange genug eingehämmert wird, zu hinterfragen.“
Die Nationalsozialisten mit jahrzehntelanger Erfahrung in der Untergrundarbeit waren die vernehmlichste Stimme in der Opposition. Einen Kontakt in diese Kreise zu erhalten, wäre mir technisch leicht gefallen, aber wenn ich schon gegen die Auflagen verstieß, die mir die Regierung als ausländischem Pressevertreter auferlegte und meinen Job riskierte, wollte ich eine Stimme hören, die aus freiheitlichen Gründen im Widerstand war.
Mein Wissen über deutsche Geschichte war zum größten Teil der intensiven Lektüre geschuldet, der ich mich vor Antritt meines Korrespondentenpostens unterzogen hatte. Im Land selbst war die Auseinandersetzung mit Geschichte für kaum jemanden ein persönliches Anliegen. Kaum einer anderen Nation ist es derart gelungen, die eigene Geschichte weniger als eigene anzunehmen.
Man nähert sich der Geschichte mit Scheu oder Weihe, bei offiziellen Anlässen, aber im Alltag spielt sie nicht einmal als eigener Anteil an der Zeitgeschichte eine Rolle. Ich erklärte mir diese Haltung als den eigentlichen Geschichtsbruch durch das Dritten Reich. Nur, indem sie sich innerlich gegen jeden Anteil an Geschichte abschotteten, war es den Deutschen möglich, den Holocaust zu ertragen und das Gedenken daran zu so zelebrieren, wie sie glaubten, dass es von ihnen erwartet wurde.
Ich wusste also ungefähr, dass es in Deutschland einmal eine der mir vertrauten französischen ähnliche Linke gegeben hatte, die aus Gründen, die ich der Literatur nicht entnehmen konnte, als Partei der Grünen durch die Institutionen marschiert und dabei verschwunden war. Zumindest konnte ich als Fremder, der ein knappes halbes Jahr im Land lebte, keine Spur von ihr entdecken, bevor ich mich auf die Suche danach begab.
Es war ausgeschlossen, einen der in Frage kommenden Wissenschaftler zu befragen. Jedenfalls fehlten mir die persönlichen Kontakte, um jemanden zu entdecken, der mir wenigstens unter Hand Auskünfte geben würde. Schlankweg bei einer der Universitäten anzufragen war zwar noch kein ausdrücklicher Verstoß gegen meine Akkreditierung, aber ich musste damit rechnen, dass eine Nachfrage sofort weiter gemeldet würde und auf ein Schuldkonto gebucht würde. Ich hörte mich diskret nach einen Politologen oder Sozialpsychologen um, mit dem ich privat sprechen könnte. Ohne Erfolg, da diese Methode auf den Zufall angewiesen ist.
Ich grenzte die Jahrgänge jenes französischen linken Frühlings ein und befragte unauffällig die Mittvierziger bis Mittfünfziger, die ich traf, nach ihren politischen Erfahrungen. Zwischen der RAF und der Wende, in den 80er-Jahren, als sie mitten im Leben standen, war Politik Teil der Lebensweise und nicht Monopol der Parteien und Parlamente. Seit sie dorthin zurückgekehrt ist, haben sich meine Gesprächspartner dem Privatleben zugewendet.
Das Experiment gelebter Demokratie galt ihnen als gescheitert. Es überlebte hier und da in Nischen, die weiterhin so exotisch waren wie vor einem Vierteljahrhundert und nur als Exzentrizitäten geduldet waren, die zunehmend unter Bedrohung standen. Als linksliberal, wie sie sich selbst ehedem bezeichneten, galt heute schon, wer die Freiheit zwar einschränkte, aber es mit leidender Miene tat.
Die meisten der Befragten waren sicher in einem bürgerlichen Bett gelandet, alle aber waren Grantler und Nörgler, Enttäuschte. Keiner von ihnen hatte mit einer politischen Partei zu tun. Sie hatten sich alle darauf verlegt, ein kurioses Hobby zu pflegen oder sonst einer Spinnerei nachzujagen, auf die sie die Leidenschaft verwendeten, mit der sie einst Politik betrieben hatten.
Im Vorfeld der Machtübernahme hatte es in der DS mit Brutalität geführte Flügelkämpfe gegeben, bei denen die letzten Linksliberalen die Partei verlassen hatten und seither verstummt waren. Inzwischen, nachdem ihre Gegner an der Macht waren, erwies sich die Kontaktaufnahme mit Dissidenten als schwierig. Um nur an eine E-Mail-Adresse zu gelangen, musste ich mehrere Umwege beschreiten, um schließlich festzustellen, dass ich nicht die passende Verschlüsselungssoftware installiert hatte.
In Deutschland erblühte die Konspiration. Ich stellte fest, dass es, gäbe es noch eine linke Opposition, diese bereits so tief im Untergrund verborgen sein musste, dass es fast unmöglich war, sie direkt anzusprechen. Vielleicht fehlte mir als Franzose nicht nur das persönliche Beziehungsnetz, vielleicht verstand ich auch nicht die unausgesprochenen Codes, die mimischen und gestischen Erkennungszeichen, die sich die Deutschen angewöhnt hatten, um über Sachverhalte zu kommunizieren ohne die sich nicht laut zu reden wagten, weil hinter jeder Ecke ein Schutzmann oder die Bürgerwehr lauerte.
Im Internet fand ich einiges Meta-Material über diese dissidente Linke, aber es brauchte einen Zufall, bis ich endlich auf eine der von Suchmaschinen nicht gelisteten, weil vor diesen geschützten Websites gelangte, die aus dem unbekannten Ausland ins Netz gespeist wurden.
Der Aufmachung und den sprachlichen Eigentümlichkeiten nach handelte es sich bei den Verfassern um Studenten. Ohne irgendwelche Kenntnisse von den Verhältnissen an deutschen Universitäten hätte ich nicht bestimmen können, welche Größenordnung diese Opposition hatte. Jedenfalls gab es sie, und sei es nur als einzelne Widerstandsnester, die es immerhin ernst genug meinten, die Sicherheitsbehörden auszutricksen. Während ich die Website studierte, war ich sicher, dass ein Protokoll angelegt und ein Punkt auf mein behördliches Schuldkonto gebucht wurde.
Neben allgemeinen politischen Erklärungen enthielt die Site vor allem Daten, Fakten und Kolonnen von Zahlen, die regierungsamtliche Darstellungen widerlegen sollten. Offenbar versuchte man sich an der Sisyphusarbeit, einzelne Posten aus den Verlautbarungen der Parlamente und Verwaltungen nachzuprüfen. War die Arbeit mühselig, war es die Lektüre noch mehr. Ich überflog die Aufstellungen nur und hatte Mitleid mit den Leuten, die ihre Zeit daran verschwendet hatten.
Kontaktdaten enthielt die Seite selbstverständlich nicht, ich forschte also nach anderen Hinweisen auf den Ursprung dieser Quelle. Kein Zeichen verriet mir etwas über die Schreiber und Betreiber. Allein die zweimalige Erwähnung einer Kleinstadt fiel mir auf.
Ich sah daraufhin die Texte aufs Ortsnamen durch und fand Berlin, München, Frankfurt am Main und Hamburg in gehöriger Häufung und gelegentlich von Einzelfällen Großstädte erwähnt. Kleinere Ortschaften, sofern sie erwähnt wurden, standen im Zusammenhang mit überregional bedeutsamen Ereignissen, für die der Ortsname synonym stand. Die Kleinstadt tauchte auf im Zusammenhang mit demütigenden Prozeduren der Arbeitsämter, um die Klientel in die förmlichen Täuschungsmaßnahmen einzubinden. Die geschilderten Episoden waren, wie ich nachprüfte, nicht im Internet gefunden worden; dem Tonfall nach könnten sie auf Selbsterlebtem beruhen.
Wie vage die Spur war, bot sie immerhin einen Anhaltspunkt. Ich sammelte Material über die Kleinstadt und fand in der Tat Zitate aus gelöschten Websites oder uralten Zeitungsartikeln, die Zerwürfnisse in der DS belegten und somit die Wahrscheinlichkeit einer linken Opposition.
In der Nähe der Kleinstadt war ein Modellprojekt der neuen Regierung im Gange, das mir gegenüber der Redaktion einen Vorwand für die Dienstreise verschaffte. Ich bot eine Reportage von der Baustelle an, mit der die vormals Arbeitslosen für einen Mindestlohn das Werk verrichteten, das zuvor von Maschinen erledigt worden war. Weil Menschenmassen und Maschinen nebeneinander arbeiteten, werde eine nie gekannte Effektivität im Autobahnbau erreicht, hieß es.
Ich mietete mich in einem Hotel in der Kleinstadt ein, und nachdem ich bei einer Stippvisite auf der Baustelle Fotos gemacht und ein paar Stimmen eingesammelt hatte, widmete ich mich Streifzügen durch die Stadt, um die Spur eines Oppositionellen aufzunehmen.
Mein erster Weg führte mich in das Ghetto. Für konkrete Informationen vor Errichtung der Unsichtbaren Mauer war ich vornehmlich auf Archive angewiesen, sofern diese nicht auch gesäubert wurden; aus dem Internet erfuhr man wenig und nur indirekt. Was immer vorher verfügbar gewesen war, war systematisch gelöscht oder gesperrt worden. Außer dem Lizensierten fand ich kaum etwas über die Kleinstadt, aber die Erwähnung der Existenz des Ghetto hatte es geschafft, die Säuberungen zu überdauern.
Meine Quelle war drei Jahre alt, aber als ich mich mit dem Stadtplan näherte, erkannte ich gleich, dass zwar sein virtuelles Abbild, es selbst aber keineswegs verloschen war.
Ich hatte es kaum betreten, als ich von einer Gruppe Jugendlicher umringt war, die mich nach dem Weg fragten. Mein gebrochenes Deutsch und die Vorstellung als ausländischer Journalist ließen sie die Drohgebärden umgehend fallen und mich mit Erzählungen über Misshandlungen durch Polizei und Behörden überschütten.
Ich hätte nicht bereitwilliger sein können, und binnen einer Stunde, in der ich mit den Boys einen Gang durch das Ghetto gemacht hatte, fand ich mich in der Wohnung eines Fünfzigjährigen wieder, der sich zwischen den Schlucken aus der Wodkaflasche in linker Geschichte erging. Ich war schon überzeugt, in einer Sackgasse gelandet zu sein, als er sein Geschwafel unterbrach und mir ein Handy in die Hand drückte, über das ich eine einzige SMS versenden sollte, deren Text er mir diktierte und der meine Nummer enthielt.
Nachdem ich das Ghetto verlassen hatte, klingelte mein Mobiltelefon. Er habe sich auf das Urteil des Säufers verlassen, ob ich vertrauenswürdig sei, erklärte mir der Anrufer. Ich könne ihn am nächsten Tag in der U-Bahn der nächstgelegenen Großstadt treffen.
Der Dissident war Anfang zwanzig. Student vielleicht, gewiss gebildet, aber darüber erfuhr ich nichts Genaues. Der Dissident bekannte sich nicht dazu, irgend etwas mit der Website zu tun haben, über die ich ihn aufgespürt hatte, noch bekannte er sich zu irgend etwas. Er sprach stets nur hypothetisch und im Konjunktiv. Er glaubte nicht, verstand ich ihn, dass ihn das vor ernsthafter Nachstellung schützen würde. Aber juristisch würde es seinen mutmaßlichen Verfolgern schwer fallen, ihm einen Strick zu drehen.
Das Gespräch mit ihm musste allerhand Windungen nehmen und sich in Abschweifungen ergehen, weil ich meinerseits keine Fragen stellen, sondern ebenfalls hypothetisch formulieren musste, um nicht nur Schweigen von ihm zu ernten. Ich könnte keine Aussage von ihm beeiden, sondern müsste mich stets nur auf meine Interpretation berufen. Ich hätte ein Aufnahmegerät einsetzen können, ohne dass dies einen Beweiswert gehabt hätte.
Ich weiß nicht, ob jener Dissident die Kultur der verschlüsselten Rede besonders weit entwickelt hatte, aber ihre Notwendigkeit ergab sich fast von selbst. Wie konspirativ auch immer die Umstände sein mochten, der Gesprächspartner immerhin würde sich an klare und deutliche Sätze erinnern können. Unter Bedingungen, in denen das freie Wort verfemt ist, sucht sich der Gedanke neue Formen in der Sprache, die ihn zum Ausdruck bringen ohne dass die Zensoren ihn erkennen.
Allein, was mir daran in der schriftlichen Artikulation noch einleuchtete, mutete mir akrobatisch an, sobald man dieser Maxime in der wörtlichen Rede folgte. Beim Gespräch in der U-Bahn gewann ich zunehmend den Eindruck, dass diese Sprechweise unausweichlich auch den Denkapparat selbst umbaut. Die Neuinstallation von Begriffen konnte nicht ohne Einfluss auf die Weltsicht bleiben.
Tatsächlich machten mir im Gespräch nicht so sehr die gewundenen Wendungen Mühe, als vielmehr die Sachverhalte, die ich aus ihnen erschloss. Weil sich eindeutige Nachfragen verboten, blieben mir bis zum Schluss Zweifel, inwiefern meine Assoziationen nicht nur subjektive Irrwege waren, die mit den gemeinten Sachen nichts zu tun hatten. Kaum je ist mir mehr die Kluft zwischen Gesagtem und Gemeinten spürbar geworden, da sie sich mit Absicht in größtmöglicher Entfernung zueinander verhalten.
Das freie Wort, so verstand ich den Dissidenten, werde durch die das Unbestimmte suchende Redeweise bewahrt und geschützt wie in einem Kokon und gerettet über die Zeit, für eine Epoche, in der es wieder erlaubt wäre. Es erübrigte sich, nach anderen Zielen der Opposition zu fragen. Mit dieser Aufgabe war sie voll ausgelastet. Sie erinnerten mich an die lebenden Bücher bei Bradbury in der Verfilmung von Truffaut: wie sie das Memorierte aufsagend durch den Wald streifen. Die Opposition träumt nicht von Taten. Schon die Bewahrung von Wahrheit in Worten ist eine kaum zu erfüllende Aufgabe.
3.12.07 17:50
 



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