Uwe Ruprecht. Anmerkungen

 

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Begegnung der beschämenden Art

Ich lernte den jungen Mann in der Stadtbibliothek zu Stade kennen. Er ist dort Stammgast, des kostenlosen Internet-Zugangs nicht der Bücher wegen. Er sprach mich an; jemand hatte ihm erzählt, wer ich sei. Er stellte mir Fragen der Form „was halten Sie von“, und ich antwortete.
Der junge Mann fragte nach der Partei, sich heute „Die Linke“ nennt und damals von einem Hochstapler geführt wurde, den die, die auf ihn hereingefallen sind, schon vergessen haben. Es war vor dessen Selbstentlarvung, und ich teilte dem jungen Mann in der Stadtbibliothek mit, was ich aus einem Jahrzehnt Erfahrung über die Parteiverhältnisse wusste.
Er machte Einwände, die mir zeigten, dass er meine Rede nicht verstanden hatte. Ich hielt das für ein Sprachproblem und gab mir Mühe, mich weniger gewählt auszudrücken.
Ich begegnete ihm nun fast jedes Mal, wenn ich die Stadtbibliothek aufsuchte, und stets stürzte er sich auf mich und hatte Fragen. Zwar stehe ich im Ruf eines Schwätzers, aber ich verschwende meine Worte keineswegs. Nach dem zweiten oder dritten Mal wurde mir klar, dass der junge Mann nichts begriff von dem, was ich sagte, und dass es nicht an seiner mangelhaften Kenntnis der deutschen Sprache lag. Ein Gespräch mit mir überforderte ihn intellektuell.
Da von ihm keine gescheite Erwiderung zu erwarten war, beließ ich es bei knappen Bemerkungen, um die Höflichkeit zu wahren. Inzwischen waren seine Parteifreunde in E-Mails und anderweitig verleumderisch über mich hergefallen, und als er mich wieder einmal ansprach, machte ich dazu eine Bemerkung, die er nicht verstand oder nicht verstehen wollte.
Der eine oder andere derer, die es für nötig hielten, Lügen über mich zu verbreiten, grüßen mich freundlich, wenn sie mir begegnen. Unlängst brüllte mir einer ein „Guten Abend“ ins Gesicht, und ich war viel zu verblüfft, um mit einem „Fahr zur Hölle“ zu erwidern. Sonderbare Leute sind das, die offenbar nicht mit den Folgen ihrer eigenen Taten umgehen wollen.
Dem jungen Mann erklärte ich vergeblich, dass ich mit ihm und seiner Bande keinen persönlichen Umgang wünsche, weil sie sich politisch sowieso, vor allem jedoch als Individuen in meinen Augen disqualifiziert hätten.
Schließlich begnügte ich mich mit einem knappen Nicken, wenn ich den Burschen sah und ging meiner Wege. Er lief mir nach. Ich stand am Bücherregal und blätterte in einem Band, als er neben mir auftauchte und zu reden anfing. Ich reagierte nicht. Er begriff nicht. Ich teilte ihm erneut mit, dass ich auf Gespräche mit ihm keinen Wert lege. Er redete weiter. Ich wendete mich ab, er hinterher.
Er verstand keines meiner non-verbalen Zeichen, und ich musste ihm mit erheblicher Schärfe erklären, dass er mich zukünftig nicht mehr ansprechen solle. Meine Rede wohl nicht, aber der Tonfall erreichte ihn. Selten bin einem so tumben Toren begegnet.
Bevor er bei den „Linken“ Ämter und Kandidaturen übernahm, hatte er es bei der SPD versucht, wo man ihm recht rasch bedeutet hatte, dass er nicht dazu geeignet wäre, irgendeine Verantwortung übertragen zu bekommen. Darin scheint der bedeutendste Unterschied zwischen den „Linken“ und den von ihnen verächtlich gemachten „etablierten Parteien“ zu bestehen: bei den „Linken“ ist jeder willkommen, der hereinschneit. Dabei sein ist alles, was zählt. Das war schon zu PDS-Zeiten nicht anders.
Der junge Mann kandidiert für den Landtag, und nur das rechtfertigt, sich mit ihm zu befassen. Als Kurde, der im Altländer Viertel wohnt, hätte man von ihm, der bereits zur Kommunalwahl als Kandidat auftrat, erwarten können, dass er sich in dem Jahr, das inzwischen vergangen ist, seit die ersten Überwachungskameras des „Projekt Orwell“ vor seiner Wohnung installiert wurden, zu Wort gemeldet hätte. Weit gefehlt. Die „Linken“ vertrauen voll und ganz darauf, dass man sie wählt, weil sie da sind, nicht weil sie etwas vorzubringen hätten, das ihre Wahl rechtfertigt.
Den unbedarften jungen Mann aus der Stadtbibliothek für eine Wahl aufzustellen, demonstriert vor allem die Verantwortungslosigkeit der „Linken“ untereinander. Glauben diese Polit-Dilletanten, dass man ihnen nicht ans Leder geht, wenn sie weiter ihre Revolutionsrhetorik pflegen? Warum sollte etwa die SPD einen Kandidaten, den sie selbst abgestoßen hat, schonen, wenn dieser erstmals öffentlich auftritt? Vielleicht weil sie mehr Anstand besitzt als die Partei, die ihn ins Feld schickt?
Noch meiden die „Linken“ jede Öffentlichkeit. Solange sie als Splitterpartei rangieren, mag das gut gehen. Was aber, wenn die „linke Bewegung“, die sie selbst stets beschwören, tatsächlich durch das Land rollt? Der junge Mann aus der Stadtbibliothek hat mein Mitgefühl für die Verwundungen, die ihm dann blühen. Vielleicht hat er Glück und sie prallen an seiner Torheit ab.

25.11.07 19:36
 



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