Uwe Ruprecht. Anmerkungen

 

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Wahrheiten aus der Welt

über das "Projekt Orwell" im Altländer Viertel zu Stade

"Im Altländer Viertel in Stade sind Kriminalität und soziale Verwahrlosung ausgeufert. Jetzt stehen dort die deutschlandweit meisten Kameras zur Verbrechensbekämpfung. Die Bewohner mögen die Kameras nicht, dabei könnten sie zur Aufklärung einer Straftat wichtig sein."

Na gut, reden wir nicht von Grundrechten, Welt. Aber ist es im Altländer Viertel von Stade wahrhaftig so arg, wie wir aus den überregionalen Zeitungen derzeit erfahren? Aus denen nur, denn im Lokalblättchen stehen weiterhin sülzige Erfolgsmeldungen über die Stadtteilsanierung. Geschrieben von einem, den die Stadt dafür bezahlt. Kunststück.

Selbst in Stade reden die am lautesten über das Ghetto, die es nicht kennen. Gehört zur Definition von Ghetto: geschlossener Bezirk. Projektionsfläche für Ängste, die vom Lokalblättchen eben noch geschürt wurden, um flugs wieder vergessen zu werden. Ganz schlimm sei es da, sagen die Leute in Stade. Wann sie denn zuletzt mal dort gewesen waren? Vor zehn Jahren?

Gerede, dummes Geschwätz, von den Medien willfährig verbreitet. Da schreibt einer von den Ratten, die er wirklich gesehen hat, und andere, die mal eben mit dem Auto durchfahren, plappern es nach. Eine Ratte macht noch kein Slum. Allerdings: die Ratten waren schon mal weg aus dem Viertel. Sie sind wieder da, Millionen Sanierungsgeldern zum Trotz.

Die Welt schildert ausführlich einen Kriminalfall, der angeblich durch die Kameras aufgeklärt wurde. Da würde ich mal das Urteil abwarten, und ob die Zulässigkeit dieses Beweismittels im Justizpalast standhält. "Im Viertel selbst ist der Fall kein Thema. Vielmehr regen sich die Menschen über die Kameras auf. Die Bewohner des Viertels mögen diese Technik schon deshalb nicht, weil sie wissen, dass sie selbst ein Grund für die Anwesenheit der Videoüberwachung sind. Ihr Verhalten hat zu dieser Maßnahme geführt. Es waren die ständig verkoteten Treppenhäuser, die demolierten Fahrstühle, die eingeschlagenen Fensterscheiben und die herausgerissenen Klingel- und -türöffneranlagen."

Ja, diese Bösen im Viertel. Selbst schuld, sagen wir ja immer, wenn wir die Ghettos ummauern. Aber höre ich Recht, Welt? Das klingt alles so ganz anders, als uns Stadtverwaltung und Politik seit Jahrzehnten glauben machen wollen. Wo sind sie hin die Sanierungsmillionen? Sollte das Projekt "Soziale Stadt" gescheitert sein, indem die Sozialsanierung in der Verknastung durch Kameras besteht?

Im März bemühte sich die Stadtverwaltung noch, die Kamera-Installation zur alleinigen Sache der Eigentümer zu machen, und noch im Oktober erklärte man sich für unverantwortlich. Ruft die Welt an und findet die Videoüberwachung toll, stellt man sich flink an die Spitze der Bewegung. Wird nicht lange dauern, und der Vertragsautor des Lokalblättchens wird die neue städtische Sicht der Dinge unters Volk bringen.

"Seit Jahrzehnten schon ist der Stadtteil von Kriminalität, Vandalismus und sozialer Verwahrlosung unvorstellbaren Ausmaßes gezeichnet." Schreibt die Welt. Die Fotos des "unvorstellbaren Ausmaßes" bleibt sie schuldig. Ich verfüge über ein stattliches Archiv von Fotos aus dem Ghetto, auf denen nichts von "unvorstellbarem Ausmaß" zu sehen ist. Und was ich nicht fotografiert und nur gesehen und erlebt habe, ist die großen Worte nicht wert. Wer von "Kriminalität, Vandalismus und sozialer Verwahrlosung" schwafelt, sollte mal nach Korruption, staatlich ignorierter und begünstigter Kriminalität und politischer Verantwortung fragen. Da käme vielleicht eine Scheiße hoch. Das einzige Maßlose ist die Wortwahl der Ausgrenzer und Profiteure. Oder sagen wir einfach: der Rassisten, die mit dem Stadtteil nur deshalb Probleme haben, weil er ihren Klischees von fremden Kultur entsprechen soll.

"Angesichts dieser Entwicklung wussten Eigentümer, Stadt und Polizei sich nicht mehr anders zu helfen, als das Öffentliche bis vor die Wohnungstür für alle sichtbar und nachprüfbar zu machen."

Stadt und Eigentümer – geschenkt, aber die Polizei? Als ich im Dezember 2006, dies zu den Akten, dort nachfragte, erklärte man mir unmissverständlich, keinerlei Zahlenmaterial über die Kriminalität in den zur Überwachung gerüsteten Wohnblocks zu haben und nicht in das "Projekt Orwell" eingebunden zu sein. Sache der Eigentümer, auch keine Rede von der Stadt.

Die Stadt hat jetzt sogar Vergleichszahlen über die Kriminalitätsentwicklung – ein Jahr nach Beginn der Maßnahme, die mit solchen Zahlen dennoch begründet wird. Noch als im März die Öffentlichkeit sich zuletzt für das Ghetto interessierte, sollten nur Müllsünder und Grafitti-Maler verfolgt werden. Von Strafverfolgung kein Wort aus dem Rathaus.

Die wissen schon genau, was sie wollen, aber wie es sich für einen demokratischen Rechtsstaat gehört, werden die Bürger nur dann informiert, wenn mal ein paar Journalisten die passenden Fragen stellen. Dann schmiert die freundliche Fratze ab, und die Zuständigen, die sich sonst beim Eigenlob über ihre Kasernenhofträume von Stadtplanung kaum einkriegen können, zeigen ihr wahres Gesicht. Danke dafür, Welt.

19.11.07 02:18
 



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