Uwe Ruprecht. Anmerkungen

 

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Experimentum mundi

„Er ist tot“, sagt der Direktor. „Sie weiden ihn jetzt aus. Seine Milz soll ganz brauchbar gewesen sein.“
„Einem Schädeltrauma erlegen, heißt es.“ Der erste Gast wirft das ein.
Der zweite Gast kürzt das Verfahren ab: „Irgendwer wird ihn erschlagen haben, den Hund.“
Der Direktor lacht: „Ich bin es nicht gewesen. Ich habe nur sein Hirn in Verwahrung. Eingedellt zwar, aber abspielbar.“
Ein Eimer schleift über Fliesen, ein Kühlschrank summt.
„Ich höre den Eiter rascheln.“ Der erste Gast flüstert es.
Der zweite brummt: „Unsinn, das ist die Leichenstarre.“
Der Direktor fährt in seiner Führung fort: „Wir haben nicht nur schöne Schädel in unserer Sammlung, zwei große Säle, Schädel mit Gravuren, Schädel aller Rassen, mit merkwürdigen Wunden, auch eine Waldbevölkerung in Vitrinen, eine Rotwild-Galerie, Nager, Eulen, Frettchen – etwas finster freilich, staubig, die allzu vielen, allzu alten Präparate sind schadhaft, auch der Tod stirbt einmal, zwei Etagen mit kunstvoll der Zeit entrissenen Kadavern, in Gläsern, im Spiritus-Bad, auf Stecknadeln, mumifiziert, Schneewitchensärge für Getier mit blauen Glasaugen, die aus der Ewigkeit starren.“
„Von was man nicht alles ein Aufhebens machen kann“, murmelt der zweite Gast.
„Wir haben auch ein Laboratorium für Hirnverdatung und -wiedergabe“, redet der Direktor weiter.
Der erste Gast geht darauf ein: „Dort führen Sie die grauen Zellen der alchymistischen Lösung zu, deren Wellenschlag Schwingungssensoren anregt, deren Output in gewöhnliches Deutsch übersetzt werden, soweit die Denkfrequenzen gestatten?“
„So ist es. Zu unserer Unterhaltung markiert die Maschine den Augpunkt nicht in der biotronisch üblichen Art, als unverständliches Pfeifen“, er macht es vor: Tekeli-li tekeli-li, „sondern in der herkömmlichen Notation.“
„Privatmythologie also“, seufzt der zweite Gast.
Der Kühlschrank summt.
„Hören Sie das?“ Der erste Gast regt sich auf.
„Nein!“, erwidert der zweite Gast angestrengt ungerührt.
„Teile scharren“, sinniert der erste Gast.
„Wir haben Getier, Gedärm, Gehirn“, redet der Direktor weiter, „die Flächen der Gehirnrinde, denen die einfachen Körperbewegungen zugeordnet sind, zeigen ein kleines, schematisches Bild des Menschen, den Homunculus. Man kann ihn paarweise, von links unten nach rechts oben buchstabieren: Eingeweide/Schlund, Rachen/Zunge, Zunge/Unterkiefer, Zähne/Lippen –“
„Ein wunderhübsches Spielzeug. Wird als Kinderpuppe in Mode kommen“, unterbricht ihn der zweite Gast.
„Und die beteiligten Personen?“, erkundigt sich der erste Gast.
„Werden nachgepixelt“, erläutert der Direktor, „wofern sich Bruchstücke in der Gehirnmasse erhalten haben.“
„Bruchstücke!“, stöhnt der zweite Gast. „Immer nur Bruchstücke!“
„Wenn Sie das Ganze hätten, hätten Sie alles“, beruhigt ihn der erste Gast.
„Das Gehirn als Abbild des Kosmos.“
„Oder Spiegel. Oder Zerrspiegel.“
„Zerrspiegel, allerdings“, fällt der Direktor ein. „Auch beim Umriss des Homunculus sind die Proportionen verschoben: weit offener Mund, winzige Ohren, ein gigantischer Daumen.“
Schleifen auf den Kacheln.
„Hören Sie das?“, flüstert der erste Gast.
„Rase nicht Erle“, erwidert der zweite Gast mit seltsamer Betonung.
„Eine Formel? Wogegen?“
„Böse Ahnungen aller Art.“
„Glauben Sie, es ist ansteckend?“
„Warum haben Sie gerade dieses Hirn für die Projektion ausgewählt?“, erkundigt sich der zweite Gast beim Direktor.
„Ich habe nicht gewählt“, lautet die von einer demütigen Geste begleitete Antwort.
Stahltüren öffnen einen luftdicht verschlossenen Raum. Zum hydraulischen Schnaufen der Türverriegelung erklingt fernes Tekeli-li.
„Lassen Sie sich von dem Gepränge nicht beeindrucken“, sagt der Direktor.
„Hören Sie?“, fängt der erste Gast wieder an.
„Das sind die Dämonen“, meint der zweite Gast gelangweilt.
„Na servas.“
[© Uwe Ruprecht]
24.4.07 00:58
 



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