Uwe Ruprecht. Anmerkungen

 

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„Sittlichkeit und Kriminalität“

„Überhaupt hat der Fortschritt das an sich, dass er viel größer ausschaut, als er wirklich ist“, bemerkte der Wiener Nestroy. Eine Erkenntnis, die sich bei der Lektüre der Schriften eines anderen Wieners aufdrängt. Hinsichtlich des Einspruchs gegen die Anmaßung der Justiz und die Heuchelei der Presse hat der 1908 zuerst erschienene Band Sittlichkeit und Kriminalität mit Betrachtungen von Karl Kraus aus den Jahren 1902 bis 1907 an Aktualität kaum verloren. Man könnte sogar finden, dass der Fortschritt in Wahrheit ein Rückschritt ist.
Polizisten, die ein geplantes Verbrechen nicht verhindern, sondern befördern, um mit der Aufdeckung der Straftat zu prunken; Staatsanwälte, die Anklagevorwürfe konstruieren, um der Volksmeinung zu gefallen; Richter, die sich souverän über die Tatsachen hinweg setzen und ihre Vorurteile als Urteile maskieren; Gerichtssaalberichterstatter, die mit ausgeschaltetem Gehirn nur die Brocken wiederkäuen, die ihnen der Staatsapparat vorwirft – Figuren wie diese, die Karl Kraus vor hundert Jahren karikiert hat, bevölkern weiterhin die Bühne. Der vermeintliche Fortschritt besteht vielleicht nur darin, dass nirgendwo ein Karl Kraus zu sehen ist, der mit dem Finger auf sie zeigt. Und wagte es einer, würde es ihm übel ergehen.
Einen Hofrat und Vizepräsidenten des Landgerichts porträtiert Kraus als „Unhold“. Als Vorsitzender einer Schwurgerichtsverhandlung hatte dieser 1904 einen 23-Jährigen, „der in Not und Trunkenheit eine Frau auf der Ringstraße attackiert und ihr die Handtasche zu entreißen versucht hatte, zu lebenslänglichem schweren Kerker verurteilt“. Nicht die Straftat selbst habe das drakonische Urteil begründet, sondern das Betragen des Angeklagten vor Gericht, der sich nicht widerspruchslos habe abkanzeln lassen. „War gestern in demselben Hause ein Mann, der einem anderen ein Messer in den Bauch gerannt hatte, zu fünf Tagen Arrest verurteilt worden, hier musste mit anderm Strafmaß gemessen werden“, notiert Kraus und zitiert einen „Presskollegen“, der fand, der Angeklagte „war allerdings auch während der Verhandlung ungemein keck“. So wurde, fasst Kraus zusammen, „lebenslänglicher schwerer Kerker wegen kecken Benehmens im Gerichtssaal diktiert.“
Die stillschweigende Übereinkunft von Justizapparat und Medien ist gegenwärtig nicht geringer geworden. Insofern sich die Berichterstatter nicht einmal mehr der Mühe unterziehen, im Gerichtssaal anwesend zu sein, bevor sie ihre Artikel verfassen und sich ganz auf die Mitteilungen der Pressestelle verlassen, ist die Komplizenschaft womöglich noch enger. Die Presse schafft ihre Freiheit selbst ab, indem sie sie nicht mehr wahrnimmt.
Die Medien beharren auf ihrer Verantwortungslosigkeit, indem sie einen Angeklagten bereits verurteilen, bevor seine Schuld bewiesen ist. Wenn ein Angeklagter schweigt, verweigert er die Aussage, und das lässt ihn schuldig erscheinen. Bricht er angesichts des Tatvorwurfs nicht in Tränen aus, ist er gefühllos; heult er dagegen, ist er ein Heuchler.
Nichts fürchterlicher als das Diktum des Offiziers in Kafkas Strafkolonie: „Die Schuld ist immer zweifellos.“ Die Medien scheuen durchweg den zersetzenden Zweifel; er stört selbstgewisse kurze und klare Titelzeilen. Selten widmen sie einem Prozess, wie spektakulär er auch sei, gleich bleibende Aufmerksamkeit oder gar eine, deren Gewichtung von der Verhandlung selbst vorgegeben wird. Entsprechend bruchstückhaft fallen die vermittelten Kenntnisse aus; sie replizieren meist nur das vorher bereits Bekannte.
Der Prozessauftakt wird zelebriert und bepackt mit allem, was die Medien bis dahin zu sagen wissen. Der weitere Verlauf interessiert nur, sofern er das Schema, dem die Story zugeordnet wird, bestätigt und bekräftigt. Passt die Schablone nicht mehr, weil das Bild der verhandelten Tatsachen sich geändert hat, sinkt das Interesse der Redaktionen umso rapider. Haben sie den Prozess nicht inzwischen vergessen, greifen die Medien ihn anlässlich der Urteilsverkündung auf oder setzen ihn erstmals auf den Terminzettel. Manchmal wird eine Nachgeschichte erzeugt, wenn Reporter, die das Verfahren nicht beobachtet haben, das Gericht kritisieren, weil das Urteil nicht mit dem Tenor ihrer Berichterstattung übereinstimmt.
Auf Seite 88 in der Ausgabe von 1966 zitiert Karl Kraus anlässlich eines zeitgenössischen „Hexenprozesses“ einen Kulturforscher über den Malleus maleficarum der Inquisitoren Jakob Sprenger und Heinrich Institoris, den Hexenhammer von 1487, jenem fürchterlichen Buch, dessen Wirksamkeit allenfalls von Hitlers Mein Kampf übertroffen wird: „Was die rechtliche Seite der Sache überhaupt angeht, so wurde die Hexerei von den Verfassern des Hexenhammers und gleichgesinnten Juristen als ein ‚außerordentliches’ Verbrechen (crimen exceptum) bestimmt, woraus man folgerte, dass der Richter bei Verfolgung desselben sich nicht an den ordentlichen Gang der Kriminalprozedur zu halten habe, sondern ‚außerordentliche’ Mittel anwenden dürfe und müsse, um der Wahrheit auf den Grund zu kommen.“ Man ersetze Hexerei durch Terrorismus und befindet sich mitten in den Debatten der Gegenwart. Unschuldsvermutung? Der heilige Zweck, die Rettung der Christenheit vor dem Islam, erlaubt jedes Mittel zur Verfolgung. Auf dem Stuhl des unfehlbaren Papstes in Rom hat unterdessen der frühere Chef der Inquisition Platz genommen. [© Uwe Ruprecht]
21.4.07 14:43
 



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