Uwe Ruprecht. Anmerkungen

 

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Die Hatz

Eine unwahre Geschichte
in memoriam Guillaume Apollinaire

„Ablenkung“, bellte der Bürgermeister, „wir brauchen Ablenkung!“ Er schlug mit der Faust auf den Tisch.
Die Runde im Hinterzimmer des Rathauses wartete schweigend. Seit zwei Stunden debattierte der innere Zirkel aus Beamten und Ratsherren das hausgemachte Debakel. Nachdem man die Stadtkasse ausdauernd für die eigenen Steckenpferde geplündert hatte, war sie leer, und alle buchhalterischen Tricks konnten die Wahrheit nicht länger verschleiern. Des besten Einvernehmens zum Trotz hatten die übergeordneten Instanzen eine Prüfung angekündigt; man stand selbst unter Druck und war gezwungen, die schützende Hand vom maroden Gemeinwesen zurückzuziehen.
Keiner der Verantwortlichen wollte auf seine Pfründe verzichten. Die Ausgaben konnten unmöglich reduziert werden, ohne dass die Klientel, der man seinen Posten verdankte, Unmut zeigte. Neue Einnahmequellen waren nicht in Sicht; jedenfalls fielen keinem am Tisch welche ein.
„Ablenkung!“, wiederholte der Bürgermeister.
Die anderen starrten ihn erwartungsvoll an.
„Wir müssen irgendwem die Schuld zuschieben“, erläuterte das Stadtoberhaupt, als es begriff, dass die anderen ihn nicht verstanden.
Zustimmendes Raunen.
„Die Ausländer!“, meldete sich der Baustadtrat zu Wort, den man ob seiner geringen geistigen Gaben hinter seinem Rücken „Hirni“ nannte.
Der Bürgermeister schüttelte den Kopf. „Zu viele, viel zu viele. Und sie könnten sich wehren. Außerdem sind allerhand brave Steuerzahler darunter, die wir nicht vergrätzen sollten.“
„Die Neonazis könnten auf den Zug aufspringen“, wandte ein Parlamentarier der Freiheitlich-Konservativen Sammlungsbewegung ein. „Die würden uns erst richtig Probleme machen.“
„Die Arbeitslosen“, schlug der Kulturstadtrat vor.
„Die werden doch längst in Haftung genommen für alles Mögliche. Für die Misere bei der Krankenversicherung, bei der Rente. Das hilft uns nicht weiter.“
„Und es sind auch so viele“, warf der Leiter des Personalamtes ein. „Es ist zwar unwahrscheinlich, aber wenn sie sich organisieren, kämen da mehr zusammen, als uns beim letzten Mal gewählt haben.“
„Eben“, pflichtete der Bürgermeister bei. „Es muss eine Gruppe sein, die keinen Schaden anrichten kann, wenn wir sie aufs Korn nehmen.“
Der Vorsitzende des Heimatvereins hatte die rettende Idee: „Die Intellektuellen.“
„Wer ist das?“, fragte Hirni, und man erläuterte es ihm umständlich.
„Haben wir denn welche?“, fragte der Gymnasialdirektor und Fraktionsvorsitzende.
„Eigentlich nicht. Das ist ja das Günstige“, meinte der Heimatvereinsvorsitzende. „Wir definieren selbst, um wen es sich handelt.“
„Verstehe“, lächelte der Bürgermeister. „Und wir fangen an mit diesem Dichter, wie heißt er doch gleich?“
„Sie meinen den zugereisten Schriftsteller, der ein Stipendium im Vogelwärterhaus hat?“
„Genau den. Ein Fremder ist er auch, das ist ideal.“
„Aber wir haben doch mächtig Werbung damit gemacht, dass wir fremde Dichter bei uns zu Gast bitten.“
„Na und? Haben wir uns halt eine Laus in den Pelz gesetzt. Kann ja mal passieren. Überhaupt hat sich niemand für diese Gäste interessiert. Sie haben uns in Ruhe gelassen und nichts Gescheites über ihre Aufenthalte geschrieben, woraufhin unsere Stadt auch nicht als poetische Hochburg wahrgenommen wurde. Touristen hat das Ganze jedenfalls nicht gebracht.“
Damit war es abgemacht. Die Hatz konnte beginnen.
Am übernächsten Tag erschien ein Artikel in der Lokalzeitung, der die historische Entwicklung des Intellektuellenunwesens von 1945 bis heute beleuchtete und den Dichter aus dem Vogelwärterhaus zitierte, der ein paar undeutliche Bemerkungen über die kritische Verantwortung des Schriftstellers gemacht haben sollte. Das hatte er in der Tat, vor 20 Jahren, als Student. Seither beschied er sich damit, Verse zu schmieden und seiner Innerlichkeit zu huldigen. Deshalb hatte man ihn ja für das Stipendium ausgewählt.
Intellektuelle, vermittelte der Artikel weiter, seien unnütz, Schmarotzer und Störenfriede, denen die Zersetzung gewachsener Strukturen Lust bereitete. Sadisten, genau genommen. Nicht unerwähnt blieb, dass es in der deutschen Geschichte besonders Juden gewesen seien, die sich als Intellektuelle hervorgetan hätten. Die Heiligkeit des Vaterlands war diesen bekanntlich unbekannt. Sie flohen stets als Erste die Heimat.
In der besten aller Welten, fuhr die Zeitung fort, seien Kritikaster nichts anderes als Terroristen. Außenseiter könne die Volksgemeinschaft um den Preis ihres Überlebens nicht dulden.
In der kommenden Nacht warfen Unbekannte die Scheiben des Vogelwärterhauses ein. Die Polizei veröffentlichte eine Meldung, wonach „aufgebrachte Bürger“ damit auf „Schmähungen“ durch den literarischen Gast reagiert hätten.
Dieser war konsterniert. Er hatte außer einer Handvoll Offiziellen und einer Redakteurin der Lokalzeitung keine Einheimischen kennen gelernt und gar nicht vorgehabt, sich näher mit den Verhältnissen in der Stadt zu befassen. Vielleicht hätte er etwas zum Kritisieren gefunden, wenn er den Mut aufgebracht hätte, sich danach umzuschauen.
Der Dichter wurde von der Polizei vorgeladen und erfuhr, dass er wegen Volksverhetzung angezeigt worden war. Er begriff gar nichts. Die Gastgeber, die sich mit ihm händeschüttelnd für die Zeitung hatten fotografieren lassen, ließen sich am Telefon verleugnen.
Als der Schreiberling von der Polizeiwache ins Vogelwärterhaus zurückkehrte, prangte auf der Tür ein Graffiti: „Lyrik ist Verbrechen“. Er packte seine Koffer und verschwand eilig aus der Stadt.
Über die Lokalzeitung ließ das Rathaus Kriterien verbreiten, woran man Intellektuelle erkennen könne. An ihrem Aussehen, schrieb das Blatt, könne man sie leider nicht zweifelsfrei identifizieren, wiewohl ein abwesender Blick ein Indiz sein könnte ebenso wie eine altmodische Brille, lange Haare oder eine Nachlässigkeit bei der Bekleidung. Achten sollte man darauf, ob sich jemand womöglich des Gebrauchs von Fremdwörtern befleißigte. Ganz allgemein sei jeder verdächtig, der Unmut über die herrschenden Zustände äußere.
Die Buchhändler wurden angehalten, auf Kunden zu achten, die philosophische und gesellschaftskritische Werke bestellten; vorrätig hatte man dergleichen ohnehin nicht. Ziemlich bald gerieten die Besucher der Stadtbibliothek ins Visier. Die Regale mit den Sachbüchern wurden zur verbotenen Zone. Kinder, die die Bibliothek aufsuchten, machten einen Sport daraus, auf jeden, der sich den Regalen näherte, mit dem Finger zu zeigen und „Denker“ zu brüllen. Obwohl die Mitarbeiter der Bibliothek Protest einlegten, untersagte das Rathaus schließlich die Entleihe von Sachbüchern.
Wer auf dem Marktplatz abfällige Bemerkungen über die Regierung machte, musste gewahr sein, vom nächstbesten Passanten angepöbelt zu werden. Bäckereifachverkäuferinnen erlitten Nervenkrisen, wenn ein Kunde seine Bestellung im ganzen Satz vorbrachte.
Die Leitung des Stadttheaters teilte der Presse mit, es würde sein Programm säubern. Stücke mit Intellektuellen als Hauptfigur wie Goethes Faust, betonte man, habe man ohnehin nie auf dem Spielplan gehabt.
Ein diensteifriger Oberstudienrat verfasste das Pamphlet Die Totdenker, das von der Lokalzeitung in Auszügen dokumentiert wurde. In Leserbriefen wurde ihm vorgehalten, sich damit selbst als Intellektueller entlarvt zu haben. Die Debatte zog sich eine Woche lang hin. Dann wurde das Verfassen von Leserbriefen selbst als intellektuelles Verbrechen deklariert.
Vorträge zu abstrakten Themen wurden abgesagt, die Literaturkurse der Volkshochschule gestrichen. Germanistik-Studenten wurde von ihren Vermietern fristlos gekündigt. Die Redakteure der Lokalzeitung konnten sich erfolgreich gegen den Vorwurf wehren, gelegentlich intellektuellen Anwandlungen zu unterliegen. Zum Beweis verstärkten sie ihre Lobeshymnen auf das Bestehende.
Dichtergräber, die man hätte schänden können, gab es nicht. Wenn je ein Literat sich in die Stadt verirrt hatte, war er nach kurzem Aufenthalt geflohen; keiner hatte hier sterben wollen. Ersatzweise zertrümmerte der Pöbel den Grabstein eines Advokaten, der rechtsphilosophische Abhandlungen verfasste hatte.
Die Polizei wurde immer wieder zum Einsatz gerufen, wenn ein Passant in der Innenstadt zwei andere bei einem Gespräch belauscht hatte, das er nicht verstand.
Ein Bürger reichte eine Petition ein, man möge die Melodie, die das Glockenspiel am Rathaus halbstündlich erklingen ließ, ändern. „Die Gedanken sind frei“ sei kriminell, fand er; man habe gar nicht zu denken.
Die Partei der Konvertierten Kommunisten, die nicht zum inneren Zirkel des Rathauses gehörte, entwickelte um so größeren Verfolgungseifer und legte der Staatsanwaltschaft eine Liste mit Websites vor, die sie verboten haben wollte. Auf ihrer eigenen Homepage veröffentlichte sie, gekrönt von einem einschlägigen Zitat des Genossen Stalin, Namen, Adressen und Fotos von externen und parteiinternen Kritikern.
Ein einheimischer Abgeordneter brachte im Landtag einen Gesetzesentwurf ein, um den Gebrauch des Wortes „Demokratie“ unter bestimmten Umständen unter Strafe zu stellen. Politische Debatten in der Öffentlichkeit, erhielt er spontane Unterstützung aus allen Fraktionen, seien ein Übel, das schärfstens bekämpft werden müsse.
Die Zustände in Kackstadt erregten endlich überregionale Aufmerksamkeit. Zeitungen aus Berlin und Frankfurt am Main entsandten Reporter, die verblüfft durch die Straßen streiften und rasch verängstigt wieder abreisten. Weil sie kritische Fragen stellten, hatten ihre Gesprächspartner ihnen Schläge angedroht; besonders arg war es ihnen in den Behörden ergangen, wo die Beamten schäumten und sich über nie gesehene Denker erregten. Inspiriert durch die Presseberichte erwogen Entscheidungsträger in anderen Rathäusern, das Modell der Hatz auf ihre Kommunen zu übertragen.
Der exilierte Dichter aus dem Vogelwärterhaus meldete sich bei einem TV-Sender lautstark zu Wort und kritisierte aus der Ferne die Verhältnisse in der Stadt, die er nicht näher kennen gelernt hatte. Er prägte einen Satz über die Geisteshaltung in Kackstadt, der in allen Medien vervielfältigt wurde: „Das Denken sollte man den Pferden überlassen, die haben den größeren Kopf, und für Dichtung sind die Klempner zuständig.“
Als einige Wochen Hatz ins Land gegangen waren, ließ der Stadtrat Schilder an den Ortseinfahrten aufstellen: „Wir sind intellektuellenfrei“. Nach sorgfältigen Beratungen des inneren Zirkels wurde die zunächst für Karfreitag vorgesehene rituelle Bücherverbrennung wieder abgesetzt. Kaufleute hatten Bedenken gegen die Pogromstimmung in der Stadt angemeldet. Nicht, dass diese sie selbst irritiert hätte, aber ihre Geschäftspartner, zumal jene aus Frankreich, hatten ihnen Vorhaltungen gemacht, auf die ihnen keine Erwiderung einfiel.
Allmählich entspannte sich die Lage, der Volkszorn hatte sich verausgabt und wurde nicht weiter angefeuert. Über dem Hass auf den imaginären Feind waren die tatsächlichen Miseren in Vergessenheit geraten. Bis das nächste Ablenkungsmanöver fällig wäre, konnte der innere Zirkel im Rathaus sich im eigenen Licht sonnen. [© Uwe Ruprecht]
9.4.07 23:55
 



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