Uwe Ruprecht. Anmerkungen

 

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Matthew Reilly ist der Bernhard Kellermann der Gegenwart. Kellermann publizierte 1913 Der Tunnel: beschleunigte Superlative in expressionistischem „O, Mensch!“-Pathos, das Personal prachtstrotzend von Geld und Ruhm und Macht. Der Mensch kann alles, predigt Kellermann, er überwindet die Natur, erst recht die eigene. 1913, wie gesagt. Dem fiktiven Bau eines Transatlantik-Tunnels folgte der Untergang Europas auf den französischen Schlachtfeldern zwischen Giftgas und den Drogen, die an die Soldaten verfüttert werden, damit sie es in den Gräben aushalten und nicht, entnervt aufspringend, „O, Mensch, halt ein!“ rufend, in die Stacheldrahtverhaue rennen. Bei Reilly rennen fliegende Autos, „Hovercars“, mit Kindern am Steuer Auf Crashkurs (Ullstein 2007). Literatur als Videospiel aus Worten: „Schuumm! Schuumm! Schuumm!“, illustriert mit Farbtafeln von Rennstrecken. Die Romanciers, vermerkt Hermann Peter Piwitt (Steinzeit, Revonnah 2003) mit Bezug auf Céline, hätten nicht aufgehört mit dem, was der Film viel besser vermag, „nämlich Handlung abzubilden“. Piwitt zieht den Schluss: „Lesenswert bleibt und wird bleiben, was nicht verfilmbar ist.“ Der Australier Reilly schreibt keinen Film wie das Gros der US-amerikanischen Romanautoren, sondern ein Videospiel: Rennverläufe mit eingestreuten Cut-Scenes. Den Vergleich mit Kellermann weitergedacht steht die Katastrophe schon vor der Tür.

Jens Jessen sucht in Die Zeit einen Sinn hinter der grassierenden Verbotsmanie der politischen Klasse, die Tabak und Hunde, Flugreisen, Computerspiele und die NPD ins Visier nimmt: „Das Einzige, womit der Politiker noch Handlungsfähigkeit beweisen kann, sind Gesetze volkspädagogischen Zuschnitts: Die Gefahr ist gering, mit ihnen das scheue Kapital zu vertreiben, und die Chance groß, wenigstens die Mittelschicht zu überzeugen, es geschähe etwas.“
Die Suggestion, Verbote würden die Wirklichkeit ändern, ist einerseits illusionär: Die Verbreitung der als „Drogen“ klassifizierten Substanzen wird durch Verbote und Strafandrohungen nicht behindert, ihr Konsum hat sich vielmehr etabliert. Andererseits greifen die Verbote insofern in die Wirklichkeit ein, als sie Haltungen erzeugen. Die Mittelschicht bekommt etwas angeboten, auf das sie ihren Zorn richten kann. Am liebsten würde sie die Unterschicht verbieten lassen, damit sich nicht ständig daran erinnert wird, welche Gefahren ihrer Saturiertheit drohen.
Auf diese Art ist die von der satten Mittelschicht getragene „ökologische Bewegung“, die offenkundig nichts zum Klimaschutz beigetragen hat, zu einem Blockwart-System verkommen. Der Denunziant wird zum Vorbild in einer Gesellschaft, die glaubt, sich durch Verbote regulieren zu können. Wer sich gegen ein NPD-Verbot ausspricht, weil dies den Rechtsextremismus nicht tangiert, wird kurzerhand zum Neonazi erklärt. Wer nicht meint, man könne nur zwischen Schwarz und Weiß unterscheiden, sondern Grau sieht und ganz andere Farben, wird geächtet. Oder gleich guillotiniert wie unter Robespierre, dem Meister des Terrors der Tugend? „Er hat ein Schnupftuch! ein Aristokrat! an die Laterne! an die Laterne!“
Vermeintlicher Terror wird als Begründung für die Einschränkung von Bürgerrechten angeführt. Die heimliche Untersuchung meines Computers, während ich im Internet unterwegs bin, wird keine Attentatspläne entdecken. Aber sie soll mich dazu anhalten, mich in Acht zu nehmen, vorsorglich das Maul zu halten, geduckt zu gehen, zu kriechen und in Angst zu sein, ein falsches Wort könne mich hinter Gitter bringen. Wer die falsche Website anklickt, wird Besuch von der Polizei bekommen. Mein Nachbar achtet darauf, ob ich meinen Müll ordnungsgemäß trenne, der endlich doch in derselben Verbrennungsanlage landet. Die Müll- und die Internet-Kontrolle an sich sind egal, bedeutsam sind sie nur als Repressionsmittel. Wohin dieses Denken führt, sollte in Deutschland eigentlich jeder wissen. Aber die Erziehung nach Auschwitz hat eben lange noch nicht dazu geführt, dass die Diktatur der Sekundärtugenden als Vernichtungsfantasie verstanden wird. Nicht um ein gedeihliches Miteinander geht es, sondern um die Eliminierung von Volksschädlingen. „Er hat ein Schnupftuch! ein Aristokrat! an die Laterne! an die Laterne!“ [© Uwe Ruprecht]
Wie ich sehe, ist dieser Eintrag auf zwei rechten Foren verlinkt worden. Ich weiß, wer das macht und grinse nur dazu. Ich kann nichts für die flüchtigen Lektüren und Missverständnisse anderer...
5.4.07 10:55
 



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