Uwe Ruprecht. Anmerkungen

 

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Landgericht Stade: Schicksal hinter Gittern

Die Stimmen in seinem Kopf fordern ihn auf, Verbrechen zu begehen. Er soll wieder im Knast verschwinden, hört er seine Mutter sagen. 31 seiner 50 Lebensjahre hat R. im Gefängnis verbracht. Nach dem erfolgreichen Abschluss einer Lehre als Einzelhandelskaufmann kam er mit kriminellem Milieu in Kontakt. Sein Bundeszentralregisterauszug enthält 19 Einträge, beginnend mit einer Verurteilung wegen Diebstahl 1971 in Oldenburg, dann Raub, Betrug, gefährliche Körperverletzung.
Irgendwann in den Jahrzehnten hinter Gittern wird R. psychotisch. Gewohnt an die klaren Regeln und den gleichförmigen Gefängnisalltag reagiert er panisch, wenn Veränderungen anstehen. Einen begleiteten Ausgang vor seiner anstehenden Entlassung nutzt er 1991 zur Flucht. Er verschafft sich ein Küchenmesser und überfällt ein Einzelhandelsgeschäft in der Bremer Innenstadt, wobei er eine Verkäuferin in Angst und Schrecken versetzt.
Zurück im Knast fügt er sich anstandslos ein. Als sich seine Umgebung, seine Tagesabläufe verändern, weil er in eine Klinik verlegt wird, flieht er. Am üblichen Ort, in der Bremer Innenstadt, begeht er drei Überfälle nach dem Muster: Messer, kleiner Laden, Verkäuferin. Er habe „eine Neigung, sich selbst zu schaden“ und eine „Sehnsucht nach Strafe“, urteilt das Gericht 1993.
R. flieht, als er das nächste Mal Ausgang aus der Haftanstalt hat. Abermals Bremen, die Innenstadt, zwei Überfälle. Die nächste Verurteilung.
Im Sommer 2005 wird R. auf Bewährung vorzeitig entlassen. Anlässlich seiner letzten beiden Gerichtsverhandlungen sind psychiatrische Gutachter hinzugezogen worden, die ihm verminderte Schuldfähigkeit attestieren. Über seine Krankheit erlangen sie keine klare Erkenntnis. Bis heute ist R. nicht über einen längeren Zeitraum psychiatrisch untersucht worden.
Ihm wird auf Verdacht ein Cocktail aus Psychopharmaka verordnet, der zu wirken scheint, die Halluzinationen dämpft und seine Bewegungen verlangsamt. Nach der Entlassung lebt in einer offenen Einrichtung für seelisch Behinderte bei Wischhafen. Keine Probleme, finden die Betreuer. Der Arzt, der ihn einmal im Monat kurz untersucht, reduziert versuchsweise die Dosierung der Medikamente. Zugleich wird R. angekündigt, einen neuen Pfleger zugewiesen zu bekommen. „Die Stimmen wurden lauter“, sagt R. In Panik verlangt er mehr Medikamente und bittet seinen Bewährungshelfer, ihn wieder in den Knast zurück zu schicken.
Das Umfeld erkennt die Krise nicht. Wie schon zuvor gelegentlich macht R. mit einem anderen Heiminsassen einen Ausflug mit dem Bus nach Stade. Diesmal betrinkt er sich und wird als hilfslose Person ins Krankenhaus eingeliefert, von wo er sich aus dem Staub macht. Er besorgt sich ein Brotmesser und bedroht damit binnen einer Stunde zwei Verkäuferinnen in kleinen Modegeschäften. Beim ersten Mal läuft er fort, als die Frau um Hilfe ruft. Die zweite Verkäuferin rennt aus dem Laden, bevor Schlimmeres passieren kann. Passanten fällt der Mann mit dem irren Blick und dem Messer auf, die Polizei wird alarmiert und nimmt ihn zügig fest, als er an der Haltestelle auf den Bus wartet, der ihn zurück ins Heim bringen soll. (En passant: ein Räuber, 16.10.06)
An seiner Schuldunfähigkeit besteht kein Zweifel. Das Landgericht in Stade hatte zu klären, wie mit R. weiter verfahren werden soll. Eine „endogene Psychose aus dem schizophrenen Formenkreis“, diagnostiziert der Gerichtspsychiater und betont, dass zunächst einmal in einer Klinik ausgelotet werden müsse, welche Therapiemöglichkeiten für den Probanden bestehen. Dass die Medikamente, die ihm verschrieben wurden, R. ruhig gestellt hätten, sei gewissermaßen nur Zufall.
Seine Anwältin plädiert dafür, ihn in das Wohnheim bei Wischhafen zu entlassen, das er als Zuhause empfindet. Doch die dortigen Sicherheitsvorkehrungen reichen nicht aus, und die Wiederholungsgefahr ist zu groß.
Die Strafkammer weist R. in das Landeskrankenhaus Lüneburg ein. Nach zwei Jahren kann erneut entschieden werden, ob eine bedingte Entlassung in eine offenere Einrichtung in Frage kommt. So oder so wird R. den Rest seines Lebens in irgendeiner Form unter Aufsicht stehen müssen. [© Uwe Ruprecht]
26.3.07 08:43
 



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