Uwe Ruprecht. Anmerkungen

 

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Eine Räubergeschichte

Jemand, der in literarischen Dingen bewandert ist, versichert mir, Ludwig Tieck sei nicht mehr populär; niemand kenne mehr seinen Gestiefelten Kater. Kümmerliche 983 Einträge bei google, dem virtuellen Statthalter von Welt und kollektivem Bewusstsein. Die erste Publikation des Meisters war eine Auftragsarbeit, die er als Gymnasiast für seinen Lehrer übernahm, der sich mit Schauergeschichten als „Erwerbssudler“ ein Zubrot verdiente. Tieck schrieb zwei Drittel von Mathias Klostermayr oder der Bayersche Hiesel (Insel Taschenbuch 2005), worin Leben und Sterben eines Räuberhauptmanns erzählt werden.
Mit einer etwa 40-köpfigen Bande strich der 1736 Geborene als Wildschütz durch Wälder und Dörfer. In Bayern wird der „Hiasl“ bis heute als Volksheld romantisiert. Als Sohn eines Bauern erlebte Klostermayr, wie die Ernte unter Wildfraß litt, während drakonische Strafen darauf standen, dass gemeines Volk zur Büchse griff und Reh und Wildschwein erlegte. Die Jagd war das Privileg der Oberschicht, das sie auch mit der Todesstrafe schützte. Die Jagdleidenschaft der Fürsten selbst verheerte das Land, wenn die Meuten achtlos über die Äcker hetzen.
Wilddieberei war stets beides: Ausdruck von Armut und Rebellion. Die Legende hat den Zug eines Sozialrebellen beim Hiasl besonders herausgestrichen. Auch Tieck legt ihm immer wieder Worte in den Mund, die seine edle Gesinnung betonen. Wohl genährten Klostermönchen, die er bedrängt, erwidert der Hiesel: „Ich bin der Schützer des Landmanns; euer Ohr hört freilich die Klagen nicht, wenn der Bauer aufsteht, die Sense nimmt, sein Korn zu mähen, und ein zertretenes Stoppelfeld findet, wo er gestern noch den Reichtum ihm entgegenblühen sah; ihr hört es nicht, wie er dann den Fürsten oder Freiherrn verwünscht, der, um sich die Zeit auf einige Stunden zu vertreiben, ihn unglücklich macht; ich bin da, diesen Schaden wieder gut zu machen! Das Wild ist frei, frei wie die Luft, es gehört niemand, ich habe dieselben Ansprüche darauf, die der Fürst macht, ich leere die Wälder von den Tieren, die die Äcker verwüsten, wo ich hingehe, geht mir die Fruchtbarkeit nach, der Landmann lächelt mir entgegen, ich bin nützlich, ja unentbehrlich!“
Die Not war überwältigend. Zur Zeit, als der Hiasl durch die Wälder streifte, 1770, fielen in Bayern einer Hungersnot zehntausende zum Opfer. Wildfrevel war Notwehr. Räuberbanden waren so verbreitet, dass die Literatur lange davon zehrte, von Rinaldo Rinaldini bis Hotzenplotz. Friedrich Schiller verfasste nicht nur Die Räuber, sondern zeichnete auch im Verbrecher aus verlorener Ehre das Porträt eines realen Räuberhauptmanns, des „Sonnenwirtle“ Friedrich Schwan; darin entwarf er das vielleicht erste „Profil“ eines Kriminellen in der deutschen Literatur.
Die sozialen Ursprünge des Verbrechens sind zumal bei den Räuberbanden nicht zu verkennen. Eine Bande wie die des Hiasl konnte schwerlich über Jahre den Nachstellungen von Jägern und Soldaten (eine Polizei im heutigen Sinn gab es nicht) entgehen und sich erhalten ohne die Unterstützung der Landbevölkerung, ohne ein Netzwerk aus Sympathisanten, Informanten, aus Hehlern und Gastwirten.
Obwohl Ludwig Tieck die „Ideologie“ des Hiasl, seinen Anspruch als freier Mann, stets wiederholt, muten solche Apologien recht aufgesetzt an und dem Verlegerauftrag geschuldet, der einen Helden nachfragte. Denn in den Szenen, in denen der Autor den Wildschützen auftreten lässt, geht es nicht sehr menschenfreundlich zu. Zwei Begriffe kehren in den Schilderungen stets wieder: grausam und Rache. Wenn die Räuber sich einer weitgehenden Duldung, Billigung oder Unterstützung der Bauern sicher sein konnten, gingen sie desto schärfer vor gegen jene, von denen ihnen Verrat drohte. Tieck zeigt seinen Hiesel als Terroristen, der, sobald er nur von Ferne hört, dass jemand etwas gegen ihn im Schilde führt, seinen Kampfhund aufhetzt und den potenziellen Verräter durch Gefolgsleute mit dem Hirschfänger traktieren lässt. Wiederkehrend richtet der Hiesel selbst sein Gewehr auf einen Gastwirt oder Amtmann und weidet sich halbstundenlang an der Todesangst. „Grausam“ lässt der Räuber seiner „Rache“ freien Lauf und foltert, bevor er mordet.
Die Räuber töten Menschen wie alltäglich das Wild, und Tieck kommt gar nicht auf die Idee, einmal die Bilanz der Opfer zu ziehen und zu zählen, wie viele Morde auf das Konto Klostermayrs gehen. Am 14. Januar 1771 ergreift eine Übermacht von 300 Häschern nach einem zweistündigen Gefecht die Bande. Tieck zeigt seinen Helden, dessen Mut und Geschick er sonst herausstreicht, am Ende als ängstlich und verzagt. Er will er nur noch sein Leben retten und schiebt nachher in den Verhören Schuld ab auf seine Untergebenen.
Tiecks Hiesel redet anders als er handelt. Den Schilderungen abscheulicher Taten stehen Predigten gegenüber, die der Räuber seinen Opfern hält. In ihnen kommt weniger wohl der reale Verbrecher als der romantisierende Autor zu Wort: „Er verteidigte noch immer alles das, was man ihm als Verbrechen vorhielt. Er sagte, jeder Mensch habe seinen freien Willen, ein jeder müsse diesen benutzen und nach einer Überzeugung handeln. Nach dieser müsste er das tun, was er für gut hielte. Das Wild gehöre niemandem, jeder könne sich desselben bemächtigen, er habe dies auch getan, so wie jeder Mensch es tun könne, er habe dadurch zugleich den Nutzen gestiftet, dass er die Ländereien der Bauern dadurch gesichert habe. Man habe sich ihm in diesem Geschäft widersetzt, jeder Mensch müsse sich seines Lebens wehren und weiter habe auch er nichts getan.“
Die Herrschenden nahmen grausam Rache. Mathias Klostermayr wurde am 6. Dezember 1771 in Dillingen, eingenäht in eine Kuhhaut zum Richtplatz geschleift, erdrosselt und auf einer speziell für ihn konstruierten Maschine gerädert. Er wurde geköpft, der Rumpf gevierteilt. Den Kopf steckte man am Galgen auf, die Eingeweide wurden darunter begraben, das obere rechte Viertel in einiger Entfernung an einen zweiten Galgen gehängt. Die anderen Körperteile wurden zur Warnung in der Region verteilt, in Schwabmünchen, Oberndorf und Füssen.
Am Ende richtet Autor Tieck das Wort direkt an den Leser: „Denn, im engsten Vertrauen gesagt, es ist ihm sehr sauer geworden, diesen Kerl als einen Helden in seinem Fach darzustellen, wie es die Pflicht jedes Biographen ist. Warum? Weil er nichts mehr und nichts weniger war, als ein Spitzbube.“ [© Uwe Ruprecht]
24.3.07 08:47
 



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