Uwe Ruprecht. Anmerkungen

 

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Medizinkriminalgeschichte

Der Fall zeigt den Kapitalismus in seiner ganzen zynischen Pracht. Ende 1957 bringt das Arzneimittelwerk Chemie Grünenthal GmbH das Beruhigungs- und Schlafmittel Contergan forte auf den Markt und bewirbt es massiv.
Im November 1961 stellt ein Professor für Humangenetik an der Universität Münster auf einer Fachtagung das Ergebnis einer Studie vor: die epidemisch aufgetretene Dysmelie, die Missbildung von Neugeborenen, deren erster Fall 1959 festgestellt wurde, gehe auf den Gebrauch von Contergan durch die Mütter während der Schwangerschaft zurück.
Grünenthal und das zuständige nordrhein-westfälische Innenministerium wiegeln ab. Erst als sich der Professor im November 1962 an die Presse wendet und Contergan skandalisiert wird, nimmt der Produzent das Mittel vom Markt.
Seit Dezember 1961 ermittelt die Staatsanwaltschaft in Aachen die Umstände der einschlägigen Behinderung von geschätzten 5.000 Kindern allein in Deutschland. Die genaue Zahl der Geschädigten, auch aus anderen europäischen Ländern, ist unbekannt.
Im Mai 1968 beginnt der Prozess gegen sieben leitende Mitarbeiter von Grünenthal wegen Körperverletzung und fahrlässiger Tötung.
Nicht nur im Gerichtssaal verteidigt sich das Unternehmen 283 Verhandlungstage lang. Die damals rund 60.000 Ärzte und die Presse sollen mit enormem finanziellem und personellem Aufwand von der Unschuld Grünenthals überzeugt werden.
Die Justiz kapituliert schließlich im Dezember 1979. Das Verfahren wird eingestellt. Grünenthal lässt sich zu einem Vergleich mit den Opfern herab: 100 Millionen DM pauschal. Weitere Ansprüche sind ausgeschlossen, wie sie sich aus Folgeschädigungen ergaben, die erst später, mit fortschreitendem Alter der Opfer, erkennbar wurden.
Eine Folge des Contergan-Prozesses war das Arzneimittelgesetz von 1978. Bis dahin war keinerlei Prüfung von Medikamenten vor der Vergabe an die Patienten vorgeschrieben. Jetzt muss das Bundesgesundheitsamt ein Mittel freigeben, und auch die Entschädigungsfrage ist geregelt.
Grünenthal ist weiter im Geschäft. Das Unternehmen lehnt jede Verantwortung ab. Stattdessen klagt es jetzt vor dem Hamburger Oberlandesgericht gegen einen Film des Westdeutschen Rundfunks, der den mutmaßlichen Sündenfall der Gesellschaft mit beschränkter Haftung darstellt.
Auch einen ähnlichen Fall der Medizinkriminalgeschichte kennt jedermann: Heroin, vor 100 Jahren von einem deutschen Pharmaunternehmen mit großen Werbekampagnen auf den Markt geworfen – als Hustensaft. [© Uwe Ruprecht]
21.3.07 18:00
 



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