Uwe Ruprecht. Anmerkungen

 

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Mein Wort des Jahres

„Bis jetzt habt ihr gelebt wie ein Schwimmer oder ein Seefahrer; kommt nun zum Sterben in den Hafen. Bis jetzt verlief euer Leben im Licht; kommt nun zum Abend in den Schatten. Ihr könnt unmöglich von den Mühen loskommen, wenn ihr euch nicht von dem Ziel dieser Mühen freimacht. Lasst deshalb alle Sorgen um Ruhm und Namen. … Die Lüste reizen euch nicht mehr; entsagt nun auch der letzten Lust, der Lust am Beifall anderer. Was ihr wisst und könnt, dem braucht ihr nicht nachzutrauern; es ist nicht verloren, wenn ihr selbst daran gewachsen seid. … Nicht darauf soll es euch ankommen, dass von euch gesprochen wird, sondern darauf, wie ihr selbst mit euch fertig werdet. Zieht euch auf euer Inneres zurück; aber vorher bereitet dies euer Inneres darauf vor, dass es euch dort einen würdigen Empfang bereitet.“
– Lucius Annaeus Seneca
21.4.07 23:52


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„Sittlichkeit und Kriminalität“

„Überhaupt hat der Fortschritt das an sich, dass er viel größer ausschaut, als er wirklich ist“, bemerkte der Wiener Nestroy. Eine Erkenntnis, die sich bei der Lektüre der Schriften eines anderen Wieners aufdrängt. Hinsichtlich des Einspruchs gegen die Anmaßung der Justiz und die Heuchelei der Presse hat der 1908 zuerst erschienene Band Sittlichkeit und Kriminalität mit Betrachtungen von Karl Kraus aus den Jahren 1902 bis 1907 an Aktualität kaum verloren. Man könnte sogar finden, dass der Fortschritt in Wahrheit ein Rückschritt ist.
Polizisten, die ein geplantes Verbrechen nicht verhindern, sondern befördern, um mit der Aufdeckung der Straftat zu prunken; Staatsanwälte, die Anklagevorwürfe konstruieren, um der Volksmeinung zu gefallen; Richter, die sich souverän über die Tatsachen hinweg setzen und ihre Vorurteile als Urteile maskieren; Gerichtssaalberichterstatter, die mit ausgeschaltetem Gehirn nur die Brocken wiederkäuen, die ihnen der Staatsapparat vorwirft – Figuren wie diese, die Karl Kraus vor hundert Jahren karikiert hat, bevölkern weiterhin die Bühne. Der vermeintliche Fortschritt besteht vielleicht nur darin, dass nirgendwo ein Karl Kraus zu sehen ist, der mit dem Finger auf sie zeigt. Und wagte es einer, würde es ihm übel ergehen.
Einen Hofrat und Vizepräsidenten des Landgerichts porträtiert Kraus als „Unhold“. Als Vorsitzender einer Schwurgerichtsverhandlung hatte dieser 1904 einen 23-Jährigen, „der in Not und Trunkenheit eine Frau auf der Ringstraße attackiert und ihr die Handtasche zu entreißen versucht hatte, zu lebenslänglichem schweren Kerker verurteilt“. Nicht die Straftat selbst habe das drakonische Urteil begründet, sondern das Betragen des Angeklagten vor Gericht, der sich nicht widerspruchslos habe abkanzeln lassen. „War gestern in demselben Hause ein Mann, der einem anderen ein Messer in den Bauch gerannt hatte, zu fünf Tagen Arrest verurteilt worden, hier musste mit anderm Strafmaß gemessen werden“, notiert Kraus und zitiert einen „Presskollegen“, der fand, der Angeklagte „war allerdings auch während der Verhandlung ungemein keck“. So wurde, fasst Kraus zusammen, „lebenslänglicher schwerer Kerker wegen kecken Benehmens im Gerichtssaal diktiert.“
Die stillschweigende Übereinkunft von Justizapparat und Medien ist gegenwärtig nicht geringer geworden. Insofern sich die Berichterstatter nicht einmal mehr der Mühe unterziehen, im Gerichtssaal anwesend zu sein, bevor sie ihre Artikel verfassen und sich ganz auf die Mitteilungen der Pressestelle verlassen, ist die Komplizenschaft womöglich noch enger. Die Presse schafft ihre Freiheit selbst ab, indem sie sie nicht mehr wahrnimmt.
Die Medien beharren auf ihrer Verantwortungslosigkeit, indem sie einen Angeklagten bereits verurteilen, bevor seine Schuld bewiesen ist. Wenn ein Angeklagter schweigt, verweigert er die Aussage, und das lässt ihn schuldig erscheinen. Bricht er angesichts des Tatvorwurfs nicht in Tränen aus, ist er gefühllos; heult er dagegen, ist er ein Heuchler.
Nichts fürchterlicher als das Diktum des Offiziers in Kafkas Strafkolonie: „Die Schuld ist immer zweifellos.“ Die Medien scheuen durchweg den zersetzenden Zweifel; er stört selbstgewisse kurze und klare Titelzeilen. Selten widmen sie einem Prozess, wie spektakulär er auch sei, gleich bleibende Aufmerksamkeit oder gar eine, deren Gewichtung von der Verhandlung selbst vorgegeben wird. Entsprechend bruchstückhaft fallen die vermittelten Kenntnisse aus; sie replizieren meist nur das vorher bereits Bekannte.
Der Prozessauftakt wird zelebriert und bepackt mit allem, was die Medien bis dahin zu sagen wissen. Der weitere Verlauf interessiert nur, sofern er das Schema, dem die Story zugeordnet wird, bestätigt und bekräftigt. Passt die Schablone nicht mehr, weil das Bild der verhandelten Tatsachen sich geändert hat, sinkt das Interesse der Redaktionen umso rapider. Haben sie den Prozess nicht inzwischen vergessen, greifen die Medien ihn anlässlich der Urteilsverkündung auf oder setzen ihn erstmals auf den Terminzettel. Manchmal wird eine Nachgeschichte erzeugt, wenn Reporter, die das Verfahren nicht beobachtet haben, das Gericht kritisieren, weil das Urteil nicht mit dem Tenor ihrer Berichterstattung übereinstimmt.
Auf Seite 88 in der Ausgabe von 1966 zitiert Karl Kraus anlässlich eines zeitgenössischen „Hexenprozesses“ einen Kulturforscher über den Malleus maleficarum der Inquisitoren Jakob Sprenger und Heinrich Institoris, den Hexenhammer von 1487, jenem fürchterlichen Buch, dessen Wirksamkeit allenfalls von Hitlers Mein Kampf übertroffen wird: „Was die rechtliche Seite der Sache überhaupt angeht, so wurde die Hexerei von den Verfassern des Hexenhammers und gleichgesinnten Juristen als ein ‚außerordentliches’ Verbrechen (crimen exceptum) bestimmt, woraus man folgerte, dass der Richter bei Verfolgung desselben sich nicht an den ordentlichen Gang der Kriminalprozedur zu halten habe, sondern ‚außerordentliche’ Mittel anwenden dürfe und müsse, um der Wahrheit auf den Grund zu kommen.“ Man ersetze Hexerei durch Terrorismus und befindet sich mitten in den Debatten der Gegenwart. Unschuldsvermutung? Der heilige Zweck, die Rettung der Christenheit vor dem Islam, erlaubt jedes Mittel zur Verfolgung. Auf dem Stuhl des unfehlbaren Papstes in Rom hat unterdessen der frühere Chef der Inquisition Platz genommen. [© Uwe Ruprecht]
21.4.07 14:43


Bänke des Bösen

Stellen Sie sich vor, Sie ergehen sich an einem Frühlingstag in der raren dafür geeigneten Landschaft im Stadtgebiet von Stade. Zuerst einmal klingeln Radfahrer Sie beiseite, denn man ist grundsätzlich in Eile, als würde der Tod nicht geduldig warten; wo das Automobil kein Durchkommen findet, schwingt man sich aufs Rad und beansprucht als Stärkerer die Wege für sich. Nachdem Sie so eine Weile spaziert sind, wollen Sie vielleicht verweilen beim Blick auf die Landschaft. War da nicht einmal eine Bank? War sie – aber mit den bösen Bäumen wurden die Bänke gleich mit beseitigt. Bänke begünstigen das Milieu der Verbrechen, die sich nach im Weltbild der gesellschaftlichen Führungskräfte auf Fußwegen ereignen. Man hat also die schönen Aussichten, die man gefälligst nur im Vorbeirauschen genießen soll, vom Abschaum gesäubert, der sich Bier trinkend auf den Bänken niederließ. Die haben sich gefälligst vor der Glotze verarschen zu lassen statt in interesselosem Wohlgefallen dem Zug der Wolken über die Schwingewiesen zuzuschauen. Über diesen Wiesen thronend sollen die Reichen sich niederlassen, denen man die Aussicht bestens baumfrei macht. Der Wald auf dem Schwarzen Berg soll abgeholzt werden, weil man im Rathaus auf potente Neubürger hofft, die sich dort ansiedeln sollen. Man wartet selbstverständlich nicht, bis konkretes Interesse vorhanden ist, sondern nutzt die Gelegenheit, schon einmal etwas von der verwünschten Natur zu eliminieren. Kommen die Reichen nicht, sind wenigstens die Bäume weg. Die Leute, die entscheiden, dass man auf Wegen durch die Landschaft nicht verweilen soll, trifft man an den Tatorten nie. Wenn sie nicht auf ihren Bürostühlen hocken, verbringen sie ihre Freizeit in Kerosinschluckern, die sie an ferne GeStade bringen. 2/3-Gesellschaft? Denkste. Der Bürgermeister hat das Wort von den 300 Maßgeblichen in der Stadt geprägt. Macht auf 46.000 Einwohner 0,6 Prozent, wenn ich mich nicht verrechnet habe. Da war die „Elite“ im Kaiserreich größer. [© Uwe Ruprecht]
18.4.07 16:03


Schmutzfänger

Ich habe es bekanntlich aufgegeben, die anti-demokratischen Murksereien und reaktionären Politikdilettantismen im Kreisverband Elbe-Weser der so genannten „Linkspartei“ zu kommentieren. Ich behalte mir jedoch vor, mich zu Wort zu melden, wenn man mich direkt anspricht. So dieser Tage in einer weit gestreuten E-Mail wie folgt: „Alle Versuche die Linkspartei ‚von unten’ dem entsprechend zu beeinflussen, wurden bisher ‚abgebügelt’ und sind letzendlich gescheitert. Gescheitert sind sie u.a. auch deswegen, weil wir in der linken Bewegung - auch im hiesiegen Kreisverband – Kräfte und Personen haben, die ihre persönliche ‚Richtung’ als die allein seelig machende empfinden und nicht dialogfähig sind und sein wollen. Nein, es wurde zu allem Überfluss auch noch ein unsauber recherchierender Journalist bemüht, um positive Entwicklungen im hiesiegen Kreisverband schmutzig zu diffamieren. Insofern bin ich sehr enttäuscht, wie sich diese Limkspartei mittlerweile entwickelt hat.“ Der Verfasser hat allerdings genug Parteidreck am Stecken, um sich mit Schmutz bestens auszukennen. Bevor Sie mich das nächste Mal damit bewerfen, Herr J.H.D. – suchen Sie die Rechtschreibprüfung Ihrer Textverarbeitung. Und habe ich Sie nicht schon einmal daran erinnert, wie es sich verhielt, als Sie meine „unsauberen“ Texte geklaut haben, um sie als Ihre eigenen auszugeben? Wie wäre es zur Abwechslung einmal damit, die Verantwortung für die eigenen Handlungen zu übernehmen?

Fortsetzung folgt: „Liebe Genossinnen und Genossen, auch wenn diese Mail wieder an Leute weitergeleitet werden sollte, die besser den Zimmermannshammer als die Journalisten-Feder betätigen sollten, so will ich hier folgendes klarstellen:“
In der Tat. Jemand scheint der Ansicht zu sein, dass es mich etwas angeht, wenn ich öffentlich beschimpft werde. Und, nebenbei, Lesen bildet: Dies ist ein Weblog; wer schreibt hier journalistisch? Kleine Nachhilfe-Stunde gefällig? Nicht heute, und nur wenn ich darum gebeten werde.
„Es ist richtig, dass ich nicht fehlerfrei bin, wie jeder andere normale Mensch auch. Meine begangenen Fehler, die mir Herr U.R. nur zu gern vorwirft, damit man auf seine nicht aufmerksam werden kann, sind bereits im letzten Jahr bereinigt worden und meine Schuld ist getilgt! Hätte Herr U.R. journalistisch korrekt recherchiert, würde er nicht diesen Unsinn (nachfolgender Text aus seiner Homepage) verbreiten. Ihm gegenüber kann ich nur mitleidige Abscheu empfinden, eine gescheiterte Existenz, die sich übelsten Denunzianten bedient. Zum Kotzen.“
Immerhin, den Fehler bekennt er. Habe ich also korrekt recherchiert. (Ich bin so diskret, Details dieses Fehlers nicht zu erörtern und inwieweit er sich erledigt haben könnte. Vielleicht liegt gerade darin das fundamentale Missverständnis von J.H.D., dass er meint, Schuld sei tilgbar, und danach könne man weitermachen, als sei nie etwas geschehen. Das setzte wenigstens voraus, einer sei sich des Umfangs seiner Schuld bewusst geworden. Man nennt das gemeinhin Reue, und wenn man davon spricht, verbieten sich Ausrufezeichen.)
Und jetzt bitte die Aufzählung meiner Fehler! Na? Ich höre gar nichts. Vielleicht, weil da jemand nicht weiß, über wen er redet? Als würde ich Ihre Quelle nicht kennen.
Mein schwerster Fehler ist gewiss, dass ich für offene Worte plädiere. Das kreidet mir die „Linkspartei“ bereits ad nauseam an. Aber halt, nein, das gilt ja nun als Denunziantentum – weil ich öffentlich über das rede, was andere lieber im Hinterzimmer verhandeln würden. Da soll sich noch einer auskennen.
Und nein, ich bin kein normaler Mensch. Habe ich nie sein wollen. Ich bekenne mich stets zu meinen Fehlern, denn durch sie lerne ich. Wenn darin das Merkmal einer „gescheiterten Existenz“ liegt, liebe ich mein Scheitern. [© Uwe Ruprecht]

16.4.07 11:53


Recherche à Roussel

„…dieser Schwindel der Erkenntnis“
– Kaspar Hauser

Im November 200* stieß ich im Internet zufällig auf eine Website mit dem Titel „Recherche à Roussel“. Ich las ein oder zwei Absätze, dann speicherte ich, meiner Gewohnheit nach, die Website auf dem Rechner, um gegebenenfalls darauf zurückzukommen. Und ich vergaß sie.
Nach einigen Monaten entdeckte ich die Datei beim Aufräumen wieder und las sie komplett, mit wachsendem Unbehagen. Offenbar war es der Ausschnitt eines umfangreichen Werks; ob im Internet nur dieser Auszug veröffentlicht worden war oder ich die übrigen Passagen übersehen hatte, weiß ich nicht. Meine Versuche, die Website wieder zu finden, schlugen fehl. Die Verlaufslisten im Browser waren längst automatisch gelöscht. Durch den Titel sowieso nicht, aber auch nicht durch verschiedene, charakteristisch erscheinende Wortfolgen gelang es mir, sie in Suchmaschinen aufzuspüren. Erst danach besah ich mir den Quelltext näher und fand einen tag, der die Indizierung durch robots ohnehin blockierte.
Hinweise auf die Ursprungs-URL enthielt der Quelltext nicht. Merkwürdig war die versteckte Autorenzeile: „Ferdinand de Saussure“, offenkundig eine Mystifikation. Sausurre (1857–1913), Schweizer Sprachwissenschaftler und „Vater des Strukturalismus“, hat keine Studie über Roussel verfasst und aller Wahrscheinlichkeit nie eine Zeile von ihm gelesen. Zu Sausurres Lebzeiten hatte Roussel zwar bereits Impressions d’ Afrique veröffentlicht, aber die den Linguisten möglicherweise faszinierende Doppelbödigkeit des Textes wurde erst nach dem Tod des Autors enthüllt. Die sonderbare Verwandtschaft der sprachlichen Unternehmungen beider ist indes kaum zu verkennen. Saussure schürfte in antiken Epitaphen nach Minen der Art, die Roussel im Buchgebirge verlegte, nach Zeichen zwischen den Zeichen. [1] Nicht zufällig ist eines der Hauptwerke von Sausurres gewissermaßen geistigen Enkel, Michel Foucault, ein Buch über Schrift und Schwelle bei Roussel. [2]
Dem uneingeweihten Leser wird sich eventuell nicht erschließen, wodurch dieser gefundene Text mich verstörte. Vielleicht hat der unbekannte Autor in jenen Teilen, die dem von mir kopierten Abschnitt vorangehen, den Gegenstand und sein Vorhaben eingehender vorgestellt und erläutert. Einigermaßen vertraut mit Leben und Werk von Roussel war mir dieser unvermittelte Einstieg ins Thema nicht sonderlich aufgefallen, bevor ich die Datei speicherte. [3] Ich kann dem Mangel insoweit abhelfen, indem ich kurz mit dem Gegenstand bekannt mache. Was das Vorhaben anbelangt, bin ich auf Deduktionen angewiesen. Allenfalls ahne ich, welchen Fortschritt und Ausgang die Untersuchung genommen haben könnte.
Die Illustrationen auf der ursprünglichen Website gebe ich gleichfalls bei. Ich nenne sie „Illustrationen“, weil diese Bezeichnung ihnen formal entspricht, als bildliche Beigabe zum Text. Inwieweit die Bilder ihn tatsächlich beleuchten und die Art und Weise ihrer Beziehung zum Text ist mir jedoch stellenweise rätselhaft. Das Layout der Ursprungsseite jedenfalls gibt keinen weiteren Aufschluss; die Abbildungen befanden sich dort in gleicher Weise in den Textkörper eingeblockt wie hier. (Das Auslesen aller in den Bilddateien verborgenen Informationen ergab keine neuen Hinweise, etwa auf den Urheber. Falls ich mich einer Urheberrechtsverletzung schuldig gemacht habe, bitte ich um Mitteilung; bei der Gelegenheit würde ich gern den ganzen Text lesen.)
Raymond Roussel (1877–1933) las, schrieb und reiste. Ein Millionenvermögen, das er in seinen 56 Lebensjahren verbrauchte, ermöglichte es ihm, sich die Welten, in denen er sich aufhielt, so exakt wie möglich selbst zu erschaffen. Er schrieb und las, während er reiste, und er reiste, während er schrieb. Er las die Welt als Literatur und die Literatur als Welt. Breton und Bataille propagierten sein Werk, Duchamp und Dalí, Robbe-Grillet, Michel Leiris und Konrad Bayer lernten von seiner Schreibmethode.
In seinen Werken (zwei Romane, zwei Theaterstücke, zwei Gedichte, ein Romanfragment und ein Versroman) malt Roussel minutiös Kinderwelten aus, einen Jahrmarkt oder Zirkus aus Absonderlichkeiten, ein Panoptikum schönen Schreckens: ein riesiger Glaskristall mit Aqua-micans, in dem Dantons von Haut, Fleisch und Knochen befreiter, auf Gehirn und Nervenstränge reduzierter Kopf, den eine enthaarte Katze elektrisiert, mit den Ruinen verwester Lippen stumme Fragmente seiner legendären Rhetorik ausstößt; in der Fremde in Tarotkarten eingeschlossene Insekten, deren unwillkürliche Bewegungen ein musikalisches Räderwerk in Gang setzen, während über ihrem Kopf ein grüner Lichtkegel aufleuchtet, sobald sie sich einer Weise von einer Wiese Schottlands erinnern, die ihr Heimweh stillt; [4] Leichen, die durch die Kombination zweier Chemikalien angeregt, den einschneidensten Moment ihres verflossenen Lebens in authentischen Kulissen wiederholen.
Roussels posthum publiziertem Kommentar Comment j’ai écrit certains de mes livres zufolge entstanden die Texte aus genau berechneten Konjunktionen homonymer Sätze – aus, wie er hervorhob, purer Einbildungskraft, unvermengt mit jedweder Wirklichkeit. Bei Roussels Methode, aus ähnlich klingenden Sätzen Geschichten zu erfinden, handelt es sich „um das Verfahren des Reimens in einer außerordentlich weit entwickelten und wie zum Zerspringen gebrachten Form.“ [5]
Der Literaturbetrieb seiner Zeit verachtete ihn als Eindringling. Seine Romane Impressions d’Afrique (1910) und Locus Solus (1914) blieben ungelesen. „Doch da er um jeden Preis literarischen Ruhm wollte“, notiert Hanns Grössel, „brachte er während der zwanziger Jahre beide Werke in Bearbeitungen auf die Bühne, schrieb außerdem zwei neue Theaterstücke, L’Etoile au Front und La Poussière de Soleils. Auch diese Aufführungen waren von Roussel selbst finanziert, und beim Publikum riefen sie nur Spott hervor. Dass auf diese Weise Roussel zum Fall, zum Skandal wurde, reizte die Surrealisten um André Breton zu vorübergehender Solidarisierung mit ihm, und dadurch trat er für kurze Zeit aus der literarischen Isolation, in der er zeitlebens geblieben war und weiterhin bleiben sollte.“ [6]
Nachfolgend die verlorene Website:

Recherche à Roussel



Korrespondenzen
Die Nachwelt, die sein Unternehmen erst nach seinem Ende in vollem Umfang begreifen konnte, ist unentschieden, was sie sonderbarer finden soll: das Leben oder das Werk oder deren Kongruenzen.
Roussels Werk, das einen festen Platz in den französischen Schulbüchern hat, ist ihrem Wesen nach nicht in eine andere Sprache übertragbar. Das Gleiten der unbestimmten Bedeutungen unterhalb der Oberfläche des Textes, die Verschiebungen der Buchstaben, die ein Franzose hören zu können meint, hallen in der Übersetzung nach als Gleiten der Bedeutungen, die an der Oberfläche des Textes schwimmen.
Doch auch französische Leser bedürfen einer begleitenden Spezialistenliteratur, um die Tiefenstruktur mit Namen versehen zu können. Zu der Handvoll Ursprungssätze, aus denen Roussel seine Erzählungen und Geschichten von wundersamen Maschinen und Theaterdarbietungen durch Schürfen in Assoziationsgängen gewonnen hat, und die er selbst als Beispiel im Comment anführte, sind eine Reihe weiterer in den Büchern von Deutern hinzugekommen, die mal mehr, mal weniger abhängig sind von den Assoziationsgängen der Exegeten und mal mehr, mal weniger Plausibilität in Hinblick auf die Entstehung der Bildwerke Roussels beanspruchen können.
Jedenfalls gilt eine Beziehung systematischer Art zwischen den Zeichensystemen im Werk als gesichert. Auch wenn es nicht gelingen kann, die Ausgangssätze für alle Werke definitiv herauszulesen, besteht die hypothetische Möglichkeit. Nach allem, was Literaturwissenschaftler, Philosophen, Dichter, Maler über das Werk herausgefunden haben, besteht sein Kern in Korrespondenzen.

„In der Thermosflasche“
Manche Exegeten bedauern, dass Roussel ein so eingeschränktes Leben geführt haben soll. Sie schildern ihn als Blinden, der sich nur als Reisender alle Freiheit genommen hat, die ihm zugänglich gewesen wäre, und sie vermissen das moralisch Lehrreiche in seinem Leben. Es lässt sich kein Buch schreiben über „Roussel und die Frauen“ oder „Roussel und die Naturwissenschaft“. Das Leben des Schwerreichen erscheint arm.
Gewiss hätte er sich nicht zugleich konventionellen Genüssen hingeben und das wahnsinnige Werk schaffen können. Die Nachwelt vertraut dem Urteil von Zeitgenossen wie Cocteau, der die Unwirklichkeit Roussels, seine Abschottung gegen jene Welten, in denen das Multitalent, die Betriebsnudel Cocteau sich herumtrieb, treffend aber verständnislos benannte, als er schrieb, Roussel „lebte in der Thermosflasche“ [7]. Cocteau wusste nichts von dem Werk, und wenn Roussel zu ihm davon sprach, dann nicht von der Dimension des geheimen Projekts, das er damit verfolgte.
Wäre Roussel nur ein psychiatrischer Fall, hätten alle teil an seiner Verrücktheit, die einer solchen Sprache leben. Was hingegen an der Oberfläche die im Ursprung verschlüsselten Texte verständlich macht, sind die albernsten Konventionen, über die sich seine Zeitgenossen unbedingt verständigen konnten (die heutigen Lesern altertümlich kostümiert anmuten), hinter denen, zwischen denen, in denen (das Verhältnis der beiden Texte, der beiden Sprachen Roussels lässt sich nicht in räumlichen Kategorien benennen) eine Auswahl archetypischer Bilder lesbar werden.
Ohne philosophischen Anspruch, aber mit kaum weniger Entschiedenheit äußert sich Roussel zu metaphysischen Problemen. In einer Erzählung von Borges beispielsweise wird Unsterblichkeit als seelisches Verhängnis beschrieben, als weitgehende Entfernung vom Körper. Bei Roussel ist Unsterblichkeit verdichtet auf einen Höhepunkt: die Leiche eines Mannes, tiefgekühlt, spielt in seinem Arbeitszimmer nach, wie er eine geheime Botschaft deponiert; als sein eigener seelenloser Roboter, ein in der eigenen Leiche gefangener Golem, statt aus Ton geformt aus dem echtem Fleisch in der echten Umgebung; eingesperrt in einen Guckkasten, vor dessen gläserner Front die Angehörigen des Entseelten in ihre Taschentücher schluchzen. Das Leben im Höhepunkt hat Roussel stets für sich selbst beschworen als Erinnerung an den Großen Vorschein seines Ruhmes, als er neunzehnjährig das Versdrama über den Karneval in Nizza La Doublure, das Doppel, schrieb.



Ursätze und Ursprünge
Dass die Korrespondenzen bei Roussel Werk und Leben umschließen, ist von verschiedener Seite an der letzten, am präzisesten überlieferten Szene seines Lebenswerks nachgewiesen worden, an seiner letzten Geste mit der Matratze vor der Verbindungstür seines Hotelzimmers in Palermo in der Nacht, als er starb. [8] Wie „der Tod zur Zeremonie des Geheimnisses gehört“, [9] ist auch sein Leben ein gestaltetes, gewirkt nach einem verschlüsselten Prinzip.
Seiner Natur nach kann dieses Leben nicht bis ins Letzte dokumentiert werden. Niemand kann je sehen, was in der „Thermosflasche“ passiert. Roussel hat die Informationen über sich gesteuert. Besessen von seinem Ruhm und der Vorstellung, dass späterhin, nachdem er den Parnass erklommen hätte, jede seiner geringfügigsten Lebensregungen, wie man das von Dichtern kennt, katalogisiert, beziffert und analysiert würde, hat er sich die Kontrolle darüber vorbehalten. So hat er eine Studie des Psychiaters, der ihn jahrelang explorierte, befördert und die Publikation seiner Krankengeschichte noch zu Lebzeiten unterstützt. Roussels Leben war ein wenigstens so sonderbares Theater wie dasjenige, das die Schiffbrüchigen in den Impressions aufführen oder von solcher Wunderlichkeit wie die Kuriositätenschau des Locus Solus, wo der Meister „seine vielfältigen und fruchtbringenden Arbeiten in völliger Ungestörtheit des Geistes zu verrichten pflegt“. [10]
Wie weit reichen die Korrespondenzen wirklich? Man hat viel Geist und Arbeit darauf verwendet, sowohl die Buchstaben in seinen Büchern hin und her zu wenden, zu verschieben, zu dehnen und zu schrumpfen, verkehrt herum zu knüpfen und zu waschen, wie die geringfügigsten seiner bekannt gewordenen Lebensregungen aufzuzeichnen, ohne damit allerdings in beiderlei Hinsicht bis an den Ursprung vorzudringen. Man ist sich nur gerade in einer konventionellen Hinsicht darüber einig, worin die hauptsächlichen Korrespondenzen bestehen – gerade nach Maßgabe derselben Konventionalität, die es den Lesern ermöglicht, Roussels Ur-Sprache zu verstehen, indem er seine Ur-Sätze in Figuren und Szenen von enthaarten Katzen und Tänzerinnen in fleischfarbenen Trikots, Glaswürfeln, Statuen und Papier in allen Varianten übersetzt. Das Sinnvernichtende der Verwandlung der Ur-Sätze wird dargeboten im Gewand von Schaustellereien, beschrieben aus der Kinder-Perspektive unausgesetzten Staunens.

Am einsamen Ort
Auf seinen Reisen mied Roussel Orte, an denen er in seiner Kindheit glücklich war. Das erscheint zwingend. Wie sein Zeitgenosse Proust sich der Beschwörung des verlorenen Landes der Kindheit in seitenlangen Hypotaxen widmet, ruft Roussel die Geister der Unschuld mit homonymen Konfrontationen hervor. Die Wiederbegegnung mit der Realität der Orte selbst, die sich verändern, vergehen, mutieren, kann die atmosphärischen Wohlklänge des Gedächtnisses nur verstimmen.
Welchen Sinn aber haben die Orte, die Roussel auf seinen ausgedehnten Reisen in Wirklichkeit aufsucht? Allerhand symbolische Erklärungen sind dazu erdacht worden. Man hat, was bekannt wurde, zu entziffern versucht. Das Ergebnis ist in jedem Fall armselig. Die Auflistung aller überlieferten Einzelheiten seiner Reisen, die lange Liste der Zielorte, der Hotels, der besuchten Cafés und Konditoreien, seine Briefe und die detektivisch zu ermittelnden Dialoge, an denen er sich beteiligt hat, würde nur das Schweigen umkreisen, die Abdichtung in der „Thermoskanne“.
Roussel hat in seinen Reisen auf eine fantastische Art variiert, deren enzyklopädischer Gestus eine vollständige Lektüre nahezu ausschließt. Und mit dieser Erkenntnis wäre nur ein Rahmen gewonnen. Fraglich bliebe außer den Ursprungssätzen, auf denen dieser Lebensentwurf beruhen könnte, die Art und Weise, in der er sich in der Wirklichkeit umgesetzt hätte.
Sofern es einem Individuum gestattet ist, sein Leben weitgehend selbst zu gestalten, verfügte Roussel über die erforderlichen materiellen Ressourcen. Als wie gelungen in der rückblickenden Betrachtung sein Leben auch gewertet werden mag, hat er von seinen Optionen jedenfalls vor allem derart Gebrauch gemacht, das er materielle Einschränkungen nur in Kauf nehmen musste, insoweit sein Körper ihm Grenzen setzte.
Andeutungsweise liegen Erkenntnisse vor, wie stark er das wirkliche Leben in Übereinstimmung mit seinen Launen geregelt hat. Man weiß das Offensichtliche und was hie und da Dienstboten ausgeplaudert haben. Seine langjährige Lebensgefährtin, die ihm bei der Inszenierung seines Todes beistand, hat darüber weniger Intimes preisgegeben als der Polizeibericht.
Man muss bei Roussel davon ausgehen, dass er die Zone des Scheins, den Grad der Zugänglichkeit seiner Lebensäußerungen für andere ebenso streng reglementierte wie sein literarisches Werk. Hier drängt sich geradezu ein Geheimnis auf, dessen Entschlüsselung nicht auf geistiger Ebene möglich sein kann. Nichts weist darauf hin, dass Roussel sich geistig in anderer Weise betätigt hätte als im Lesen und Schreiben. Seine Lektüre bestand in der wiederholten Versenkung in eine Anzahl von Werken, die er als maßgeblich empfand: Jules Verne in erster Linie. Sein Leben im Dienst des Ruhmes der eigenen Werke ist ein im Übrigen geistig reduziertes. Umso vielfältiger erscheint an der Oberfläche der Tatsachen seine Aktivität: Reisen, Reisen, Reisen. Er erfindet das Wohnmobil, um noch abgeschiedener von der Welt durch die Welt zu touren. [11]
Es wurde versucht, Roussels mystischen Ort in der wirklichen Welt zu ermitteln, so wie man der Theorie nachgegangen ist, dass seine Werke womöglich nicht, wie er behauptet, aus Ursprungssätzen, die ein Ursprungsbild bezeichnen (ein leeres Vergrößerungsglas, ein Labyrinth, Minen und Billardtische), sondern einer Wortknospe allein entspringen. Man hat die Recherche aufgegeben, weil man zu der Einsicht kam, dass es sich, nach allem, was man bis dahin deduziert hatte, um ein Wort handeln muss, dass er im Text ausgelassen hat. Betreffs des Ursprungsorts sind diverse Hypothesen erwogen worden. Forscher haben den genauen Verlauf einer Reihe seiner Reisen auf Weltkarten nachgezeichnet haben, um das Muster zu erkennen. Eine Theorie besagt, seine Reisen hätten ihn in konzentrischen Kreisen von seinem Geburtsort oder einem anderen Ort seiner Kindheit fortgeführt.



Reich der Gesten
Unklar bleibt die nähere Beziehung des Bedeutungssystems, das man von außen, als Fremder, lesen kann, zum literarischen Opus und dessen Bedeutungsschichten, deren tiefere Verbindung kaum zu ermessen ist, ohne das grundlegende Rätsel des Lebens erfasst zu haben. Dieses liegt so fern der Sphäre des Geistigen, dass Philosophen und Dichter es in ihren Schubladen nicht finden werden.
Dieses Rätsel wird man nicht vom Schreibtisch aus lösen können, sondern wird sich dazu in den Schmutz der Straße begeben müssen. Wer die ausgedehnte Abhandlung von Foucault über Roussels Tod kennt, wird ermessen, zu welchen Schlüssen man auf Grund der Lektüre eines beliebigen Moments dieses Lebens kommen könnte, das in engerer Beziehung zum Geheimnis steht. Wie Foucault anhand seiner Quellen – ohne Kenntnis spezieller Fakten, die später erst erkundet wurden – erörtert, demonstriert der Tod erst das Vorhandensein des Geheimnisses und dessen Oszillation mit den Geheimnissen, die Roussel preisgab, wie der posthumen Enthüllung seiner Schreibmethode oder dem Buch seines Psychiaters.
Roussels Bestreben vorausgesetzt, dass jede der geringfügigsten seiner Lebensäußerungen sich gleich weit vom Ursprungsort befinden sollten, würde das Studium eines schon sehr kurzen, beliebigen Zeitabschnitts aus seinem Leben das Muster aufzeigen können. Indes könnte dies nicht geschehen, indem man die bekannten Fakten neu kombinierte, sondern sich soweit wie möglich den Lebenswelten ganz konkret und materiell annäherte.
Das erscheint umso weniger unmöglich, bedenkt man das Kalkül dessen, der dieses Leben eingerichtet hat, und genau mit diesen Bedingungen von Nachwelt gerechnet hat. Roussel wird im Rahmen seiner Möglichkeiten nur solche Gesten (in Parallelität zu den Worten in den Büchern) der Überlieferung zugänglich gemacht haben, die die größte Chance zu überdauern hatten. Wie in seinen Büchern der Text wäre auch diese bewusst gestaltete Hinterlassenschaft aus Gesten mehrfach determiniert. Wie in einem Wach-Traum würde man die wesentlichen Elemente durch mehrere Zeichen vertreten finden.



Surrealistische Revolution
Im April 199* begann ich meine Recherchereise unweigerlich in Paris. Ich war überzeugt, dass es genügte, einen beliebigen Lebensabschnitt der passionierten Betrachtung zu unterwerfen. Meine Wahl war auf jene Epoche gefallen, als die Ablehnung des breiten Publikums und eine Gruppe exzentrischer Bewunderer Roussel die Gewissheit vermittelte, dass Ruhm möglich war; wie sich erwies, wurde er in diesen zwei Jahren begründet. Ich war überzeugt, dass er damals deutliche Gesten des Geheimnisses von sich gegeben hatte, da er annehmen durfte, die jungen Dichter und Maler würden sie verewigen. So wenig sie sonst von seinem Werk verstanden, ahnten sie immerhin seine Besonderheit. Sie ahnten ein Rätsel. Einige ahnten auch, wie sorgfältig er es verbarg, damit es als solches umso aufdringlicher wurde.
Am frühen Abend in einem Café am Tour Saint-Jacques, der schaukelt wie eine Sonnenblume, überließ ich mich dem Zufall, der meiner halluzinatorischen Lektüre einen Postkartenverkäufer vorsetzte, welcher sich mit seinem armseligen Angebot in einer Bauchtasche durch die Reihen schlängelte. Mein müßiger Blick hatte ihn eine Zeitlang verfolgt, was ihm nicht entgangen war, und so strebte er in meine Richtung. Ich bereitete mich darauf vor, den sprachlosen Touristen zu markieren, um mich seiner zu entledigen. Zielstrebig und stumm reichte er mir einen seiner bunt bedruckten Kartons. Als ich einen Blick darauf geworfen hatte, musste ich ihn kaufen; er jedoch schüttelte den Kopf und verschwand unversehens ins Gedränge auf dem Bürgersteig.
Die Postkarte zeigt eine der Episoden, denen ich nachspürte: Marcel Duchamp und Guillaume Apollinaire applaudieren einer Aufführung der Theaterversion der Impressions d’Afrique, Gabrielle Picabia wedelt mit einem Opernglas, Francis Picabia schaut den Betrachter an, der die Loge gerade zu betreten haben scheint. Ausweislich der Rückseite hatte ein André Raffray das Bild 1977 für eine Biografie von Duchamp geschaffen: Sterbliche aus Bildender Kunst und Literatur im Gestus von unsterblichen Heiligen oder Feldherrn auf Historienschinken. So sitzen Marat und Saint-Just vor der Staffelei von David: „La révolution surréaliste“. Die Abbildung ließ den Betrachter im Zweifel, ob es dem Maler ernst war oder er einen verzweifelten Scherz über den Kultur- und Kunstbetrieb machen wollte; ob es sich also um ein umgestürztes Pissoirbecken handelte.



Uraufführungen
Die Unterlagen des Theaters waren schon viele Male inspiziert worden, weshalb man auf meine Anfrage mit Routine reagierte. Bisweilen kamen Studenten seminarweise an den Originalschauplatz und warfen flüchtige Blicke auf Devotionalien der Uraufführung, für deren sichere Verwahrung Roussel noch zu Lebzeiten Vorsorge getroffen hatte. Nach seinem Tod dämmerten die Archivalien ein paar Jahrzehnte lang vor sich hin. Bei einer zufälligen Durchsicht barg man sie als Schatz, denn inzwischen hatte sich der Ruhm des verkannten Autors entfaltet.
Ich konnte nicht hoffen, neue Tatsachen zu entdecken. Indem ich die vorhandenen unter dem Blickwinkel meiner Forschungsrichtung aus neuer Perspektive betrachtete, erwartete ich allerdings Aufschlüsse. Eine Durchsicht der entsprechenden Skizzen in der Sekundärliteratur hatte erbracht, dass an dieser Stelle noch nicht in meine Richtung gegraben worden war.
In einem Raum hinter der Bühne waren drei Vitrinen aufgestellt, die Plakate, Billetts, ein zwei Mal drei Meter großes Stück der Sperrholzkulisse für die Impressions, das den Teil einer Parkbank darstellte, Kassenbücher und mehrere Rollenbücher enthielten. Eine Anzahl Fotografien zeigte Schauspieler, einige wenige auch den Bühnenaufbau ohne Personal, ein einziges eine Bühnenszene von Etoile au Front, in der ein Darsteller auf einem U-förmigen Stuhl den Kopf mit herausgestreckter Zunge beugt, als wolle er erbrechen, während eine Frau im Sommerkleid an ihm vorbeischaut.
Das Motiv eines Fotos konnte ich zunächst nicht zuordnen. Es zeigte auf zwei separaten Bildern, die zu einem Gemälde montiert waren, Tumulte im Theatersaal. Die Beschriftung auf einem rechteckigen Zettel in der linken unteren Ecke des Rahmens besagte, dass die Uraufführung eines Dramas von Victor Hugo am 25. Februar 1830 mit der Uraufführung von Etoile au Front am 5. Mai 1924 konfrontiert wurde.
Auch die Verachtung gehört zum Ruhm, meinte Roussel, als er, einer Version nach, Henri A. Zo beauftragte, das fotografierte Gemälde anzufertigen (das inzwischen als verschollen gilt). Später schuf Zo auch die 59 Illustrationen zu Nouvelles Impressions d’Afrique. Den Kontakt zwischen Roussel und Zo habe, einer anderen Version nach, eine Agentur hergestellt, die dem Zeichner genaue Anweisungen des Auftraggebers für die Motive der Illustrationen übermittelte (Ein Mann, an einem Tisch sitzend, auf dem senkrecht ein Buch steht, von dem er zwei nicht zerschnittene Blätter auseinander hält, um darin eine Stelle zu lesen), ohne dass sie einander je kennen lernten. [12]

Monsieur Mordeaux
Wie zu erwarten war im Theater niemand mehr am Leben, der Roussel persönlich begegnet war. Ich unterhielt mich mit dem Inspizienten, dem die undankbare Rolle zugefallen war, die Bewunderer des Dichters zu den schäbigen Heiligtümern vorzulassen. Ich war dabei ganz entspannt, denn ich wusste, dass ich nicht nach Gegenständen Ausschau halten musste.
Monsieur Mordeaux plauderte angelegentlich über den einen oder anderen Schauspieler, den er als Greis selbst noch auf der Bühne erlebt hatte, und zählte dabei Fotos auf, die in einer der Vitrinen aufgereiht waren. Bei einer Aufnahme, die eine Ansammlung von Personal im Schnürboden zeigte, hielt er sich länger auf. Er kannte die meisten der Bühnenarbeiter, die in einer halbdunklen Ecke im Gebälk des Theaters für den Fotografen posiert hatten. Am unteren Rand sah man an einem Stück Vorhang entlang hinunter auf die Bühne. Das Foto befände sich in der Sammlung, erklärte Monsieur Mordeaux, weil es zur Zeit der Vorbereitungen für Etoile au Front aufgenommen worden war.
Es habe damals Ärger gegeben, über den nachher lange noch erzählt wurde. Sie hatten Marius, den Neffen eines der Bühnenhandwerker, mitgenommen auf das Schwindel erregende Gerüst. Dem etwa Zehnjährigen schien das Abenteuer im Schnürboden nichts auszumachen, er strahlte über beide Backen in das Objektiv. Der alte Marius, schwelgte Monsieur Mordeaux in Erinnerungen, komme immer noch einmal im Monat ins Haus. Er sei nämlich später auch am Theater beschäftigt gewesen, als Schreiner. Ich stutzte. In der Tat, der alte Herr lebte noch. Monsieur Mordeaux hatte keine Bedenken, mir die Adresse aufzuschreiben und ließ mich Grüße ausrichten.

Blutiges Taschentuch
Das Etikett einer Mineralwasserflasche, stereoskope Miniaturfotos, der Briefkopf eines Hotel-Schreibbogens, ein Kugelschreiber mit gläsernen Einsatz, der eine Ansichtspostkarte enthält, eine Schneekugel – aus der Beschreibung von Objekten dieser Art, Souvenirs von Reisen, habe er die Ursprungssätze für seine Bücher gewonnen, behauptete Roussel. Ich wollte nicht ausschließen, dass ein solcher Gegenstand eine Rolle in der gestischen Inszenierung übernahm, mit der ich einen Hinweis auf das Muster von Roussels Reisen und damit seines Lebens jenseits der Literatur zu entdecken überzeugt war, und hielt aus den Augenwinkeln Ausschau danach.
Die paradoxe Spreizung zwischen gezielter Suche und Entspannung für die Eingebungen des Zufalls brachte mich in einen Zustand permanenter Unschlüssigkeit. Nie konnte ich sicher sein, ob eindringlichere Nachforschung, die ich unterließ, um dem Wispern des Wind des Eventuellen lauschen zu können, mich nicht auf eine Spur gebracht hätte; umgekehrt musste ich fürchten, wenn ich mich auf ein Indiz versteifte, dass ich das zarte Wispern des Zufalls mit verbissener Betriebsamkeit übertönte.
Nach dem Theater kam ich vorsätzlich vom Weg ab. Ich suchte ein Viertel auf, in dem Roussel über mehrere Jahre eine Stadtwohnung unterhalten hatte. Ich vermied es, das Haus selbst anzusteuern, zumal ich nicht wusste, ob es überhaupt noch stand. Eine halbe Stunde lang verzagte ich, und konnte mir nicht vorstellen, wie ich mitten im Getriebe eines gewöhnlichen Wochentags in der Metropole Zeichen eines lange vergangenen Lebens erkennen könnte, die noch dazu bedeutsam sein sollten.
Ich vergaß für eine weitere halbe Stunde mein Projekt und versetzte mich in den Zustand des Touristen, der durch einen fremden Alltag spaziert. Ich kam an einem Markt vorbei und stellte ethnologische Betrachtungen über das Warenangebot an, von denen ich einige im Notizbuch festhielt. Ich verlor mich kurzweilig in die Gesichter der Passanten. Ich verließ den Markt im absichtslosen Gefolge einer jungen Frau und ließ mich vom Wehen ihres Rocks inspirieren. Als sie in eine schmale glasgedeckte Gasse einbog, wollte ich sie ziehen lassen. Wie ihre Absätze durch das leere Gelass hallten, ließ mich einige langsame Schritte in die Passage hinein machen.
Ich blieb vor einem Schaufenster stehen, das eine groteske Sammlung von Trödel enthielt. Die Schritte der Frau waren verklungen, als ich immer noch nicht begriff, welchen inneren Zusammenhang diese Ausstellung hatte. Endlich nahm ich das Schild über der Eingangstür wahr: Ein Wucherer bot verfallene Pfänder dar. Die Sonderbarkeit der Ansammlung verlor sich, Bügeleisen und CD-Player, Bierkrug und Kerzenhalter waren auf einen Nenner gebracht, der banaler nicht sein konnte. Jetzt fiel mir das eine Objekt auf, das keinen gewöhnlichen Nutz- und Geldwert darzustellen schien.
Eine durchsichtige Schachtel, mutmaßlich aus Plastik, in der eine rote Pappschachtel verkantet war, die mit mir unverständlichen Schriftzeichen bedruckt war. Format und Ikonografie wiesen sie jedoch zweifelsfrei als Zigarrettenschachtel aus; als Herkunftsland vermutete ich Tschechien. Die zwei großen schwarzen Worte auf weißem Grund wären demnach eine Warnung vor dem Tode. Auf der Schachtel wuchs ein Gekröse, das aus Papier zu bestehen schien, das stellenweise mit etwas Rotbraunem befleckt war. Was mich jedoch erschrak, war der handgeschriebene Zettel, der neben dem Objekt lag. Allen Gegenstände im Schaufenster waren solche Zetteln beigegeben, die unterschiedliche Attribute auflisteten, vor allem aber den Preis nannten. Der fehlte hier. Der Zettel wies die Schachtel als „Objet trouvé aus dem Besitz von Michel Leiris“ aus. [13]
Leiris war Roussels Neffe und einer seiner Exegeten. Ich betrat den Laden und erkundigte mich. Der Pfandleiher wusste sofort, wovon ich sprach. Das Objekt war durch eine Haushaltsauflösung zu ihm gekommen, und er hatte es ausgestellt, nachdem ihn ein Kunde auf den möglichen Sammlerwert, den er selbst nicht einschätzen konnte, aufmerksam gemacht hatte. Der Trödler nannte eine Summe, die ich unverschämt fand. Kaum ein anderes Pfand im Fenster hätte diesen Preis erzielt. Ich gab mich interessiert, und er kramte hinter seiner Theke. Zum Objekt gehöre noch eine zweite Schachtel, sagte er und stellte sie auf den Tresen: Ein gleichartiges Behältnis enthielt eine Anzahl kleiner beschriebener Zettel.
Er ließ sie mich lesen, nachdem ich ernsthaftes Kaufinteresse bekundet hatte. Sein Preis, der nun beide Schachteln umfasste, war deutlich gestiegen. Die Zettel waren ungeordnet, nicht nummeriert, sie umkreisten aber eine Szene, die der anonyme Verfasser in knappen Worten schilderte: einen Besuch Michel Leiris’ bei seinem Onkel Roussel 1922. [14] Roussel habe an jenem Tag an Nasenbluten gelitten, und der Neffe habe das Papiertaschentuch, mit dem der Onkel seinen Lebenssaft auffing, aufbewahrt.
Ich gab vor, mir den Kauf überlegen zu müssen und bat darum, ein Foto von der Schachtel im Fenster machen zu dürfen, um sie einem sachverständigen Freund zu zeigen. Ich fragte ihn nach dem Kunden, der ihm versichert habe, das Objekt sei ein Wertgegenstand. Wie ich vermutet hatte, beschrieb er ihn als Kunst-Studenten. Später, bei Betrachtung meiner Fotos der Schachtel, meinte ich, Gestalten in dem Gekröse aus Papier und vermeintlichem Blut zu erkennen. Licht und Schatten formten mit dem zerknüllten Taschentuch über der Todes-Warnung Schemen, die die Rückseite eines Totenschädels bildeten.



Matt für Marius
Marius wohnte in einem Hinterhof nur wenige Schritte vom Theater entfernt. An der Tür fing mich eine Frau ab. Was ich im Haus zu suchen hätte. Als ich angab, wen ich besuchen wolle, hellte sich ihre Miene auf. Der Alte, verstand ich, lebe noch immer ganz allein auf seinem Zimmer, nur alle paar Tage schaue eine der Nachbarinnen nach ihm und erledige seine Besorgungen. Er wolle hundert werden, wiederhole er immer, und lange habe er es ja auch nicht mehr bis dahin.
Auf mein Klopfen an seiner Tür im Hochparterre näherten sich schlurfende Schritte, und ein kahlköpfiger Greis, in dem ich nicht den Knaben vom Foto wieder erkannt hätte, öffnete mir. Auf die Empfehlung von Monsieur Mordeaux hin ließ der Alten mich lächelnd mit großer Geste in das mäßig erhellte Zimmer ein, dessen zwei Fenster auf eine Wand mit mehreren Reihen ähnlicher Fenster wiesen.
Marius hatte wahrhaftig eine Anekdote zu Roussel parat. Ich bemerkte, dass er die Geschichte schon oft und in verschiedenen Variationen erzählt hatte. Wahrscheinlich war eines Tages einer wie ich gekommen und hatte ihn nach dem berühmten Autor befragt, der sich zur gleichen Zeit wie er im Theater aufgehalten haben könnte. Nun hatte der Zehnjährige gewiss für alles mögliche eine Neugierde, aber wohl kaum für einen menschenscheuen Verfasser von Stücken, in denen das Personal steif auf der Bühne steht und deklamiert; wo nicht einmal zur Abwechslung mit Säbeln gefochten oder die Hosen heruntergelassen werden. Mangels eigener Anschauung hatte Marius eine Begegnung mit dem Meister erfunden. Sein enger literarischer und kultureller Horizont hatte ihn eine Episode, die er einmal über jemand anderen Berühmten gehört oder gar gelesen hatte, diesem zugeordnet, von dem man eine hören wollte. So dachte ich, doch was Marius erzählte, war von anderer Art. Gewiss war es ihm geläufig, sie zu reportieren. Aber sie enthielt Elemente von Authentizität.
Als Knabe, erzählte Marius, konnte er relativ ungehindert durch das Theater streifen, ohne von seinem Onkel beaufsichtigt zu werden; auch der Inspizient ließ ihm seine Freiheiten, nachdem er gewahr geworden war, dass der Junge keinen vorsätzlichen Unsinn anstellte. Während die Vorbereitungen für die Uraufführung das Personal stärker als zu anderen Zeiten beanspruchte – zumal der Onkel musste letzte Hand an die frischen Kulissen legen und kümmerte sich fast nicht um den Neffen – hockte der Knabe bevorzugt auf einer Kiste im Gang zwischen Bühne und Hinterausgang, der mit Kulissen und Gerätschaften verstellt war.
Durch diese hohle Gasse mussten alle kommen, die im Theater zu schaffen hatten, denn an ihr lag auch der Gang mit den Zimmern der Direktion. Marius beobachtete Handwerker und Schauspieler, Musiker und Postboten, um jeweils neu zu entscheiden, mit welcher Abteilung des Theaters er sich für die nächsten zehn Minuten unterhielt. Er folgte den Musikern zur Probe in den Orchestergraben oder lauschte hinter der Tür, wenn ein Agent mit seinem Nachwuchstalent beim Direktor antichambrierte.
Gleichwohl wurden Marius die Tage lang. Das Personal, sofern es ihn beachtete, erfand Beschäftigungen für ihn. Er half beim Kulissentragen und erledigte Botengänge für den Inspizienten. Mit einem Prospektmaler, der mehrmals am Tag zwischen Atelier und Bühne hin und her lief, spielte er Schach in Etappen. Das Brett war auf der Kiste neben Marius’ Stammplatz aufgebaut, und der Maler hielt sich auf seinen Wegen kurz auf, um seinen nächsten Zug zu machen, über den Marius dann grübeln konnte.
Eines Tages, als er eine Partie zu Ende ging, und Marius schon seinen König umkippen wollte, verließen mehrere Leute das Büro des Direktors, um das Theater durch den Hinterausgang zu verlassen. „Matt in zwei Zügen“, sagte eine Stimme über ihm, und Marius hob den Blick vom Brett. Die Gruppe hatte bei ihm Halt gemacht; er erinnerte sich nicht an die anderen, aber der Herr, der sich in sein Spiel gemischt hatte, war in weißem Anzug mit Hut und Stock und dem hochgezwirbeltem schwarzen Schnurrbart eine auffällige Erscheinung. Er wirkte vornehmer als die meisten, die das Theater frequentierten.
Klar, erwiderte Marius, Matt in zwei Zügen, nämlich für seinen Gegner. Der weiße Herr schüttelte den Kopf. Er beugte sich etwas vor und wies mit dem Finger nacheinander auf die Figuren und deutete ihre Bewegungen an. Marius überdachte die Zugfolge; das könnte funktionieren.
Der weiße Herr, berichtete mir Marius weiter, habe einige Sätze gesagt, die er sich nicht gemerkt habe. Nur der Tonfall, in dem sie gesprochen wurden, war ihm sonderbar vorgekommen. Der Herr sprach mit einem Mal wie ein Prediger auf der Kanzel, aber ohne die Stimme zu heben. Wovon die Rede war, begriff der Knabe nicht, nur dass es um einen Vergleich von Theater und Schach ging. Eins ums andere Mal unterstrich der weiße Herr seine Worte, indem er auf die Bühne und das Brett deutete.



Vom Schachbrett
Das Schachspiel sei ein universelles Modell für Verhalten. Die Charakteristik der Figuren, die manche als weniger kunstreich empfinden als bei Dame oder Go, wo jeder Stein sich gleicht, [15] weist auf diesen, über die pure Einhaltung von Regeln hinausweisenden, kreativen, willkürlichen, fantastischen Aspekt hin. Dass Schach sich von Robotern besser spielen lässt als von Menschen, besagt nichts über die Eigenart des Spiels und unterschlägt, dass sich hierbei durch das Temperament des Spielers Züge eröffnen, die bloße Berechnung nicht voraussehen könnte. Ihre Bedeutung liegt nicht in ihrer Funktionalität in Hinblick auf Gewinn oder Verlust, sondern in ihrer Schönheit als Konstellation eines Augenblicks im Spiel.
Der gestische Umraum des Schachspiels übersteigt die Figuren auf dem Brett und bezieht die Spieler ein, weshalb Großmeister stets auch sonderbare Menschen sind. Wie sich bei Athleten die Meisterschaft auf der Grundlage des eigenartigen Körperbaus erwächst, drückt sie sich beim Schachspieler im Geistigen aus, das in Extremen an die materielle Oberfläche tritt, als mönchische Zurücknahme des Körperlichen oder sich in ausufernden Tics artikuliert.
In einem Segment des Schachs erlangte Roussel Meisterschaft, im Entwickeln von Endspiellösungen. Eine Konstellation von Matt mit Dame, Springer und Läufer gegen den isolierten König stellte ein amtlicher Großmeister 1932/33 in zwei Ausgaben seiner Zeitschrift vor. Roussels eigene Sterbesequenz ist als Replik auf diese Konstellation gelesen worden: Er selbst als schwarzer König, der von der Dame (seiner Lebensgefährtin), dem Springer (dem Hotelarzt) und dem Läufer (seinem Chauffeur oder dem Zimmerdiener) bedrängt wird; im Hintergrund als regloser weißer König der Tod.

Stern auf der Stirn
Der alte Marius besaß einen Beweis für seine Begegnung mit Roussel, dessen Namen er im Nachhinein erfuhr, als er den Beweis seinem Onkel zeigte. Zur Uraufführung des Etoile au Front hatte der Autor eine unbekannte Anzahl von Faksimiles des Theaterzettels herstellen lassen, mit denen er Schauspieler und anderes Personal beschenkte. Das Souvenir bestanden aus einer goldfarbenen Platte mit einem Schmuck aus unzähligen kleinen, wie Edelsteine funkelnden Glasstücken. Helle grüne Teile bildeten den Grund, während der Text aus dunkelgrünen bestand. In Lettern aus roten Glasperlen erschienen zwölf Namen von Akteuren, Regisseur, Komponist und Bühnenbildner in verschiedener Größe auf einem rechteckigen Ausschnitt des Grundes aus durchsichtigen Stücken, deren Dimensionen den roten entsprachen. Über ihnen flammte ein Name aus blauem Glas, der sich aus einem geräumigen Band von farblosen Stücken abhob und alle anderen durch seine Größe überstrahlte.
Eine Theaterlegende besagt, unter den Exemplaren, die Roussel scheinbar wahllos verteilte, befände sich eines, das statt aus Glas aus Gold und echten Diamanten, Saphiren, Rubinen und Smaragden gefertigt sei. Als diese Geschichte, lange nach dem Tod Roussels aufkam, legte Marius seine Schachtel einem Juwelier vor, der kopfschüttelnd immerhin die Qualität des Kunsthandwerks lobte.
Durch Druck auf eine der Glaskugeln, die den ersten Buchstaben im Namen des Verewigten formen, öffnete sich die Oberseite des Theaterzettels wie ein Schiebedeckel. Das Fach im Inneren zeigte das gipserne Basrelief der Hinteransicht eines Totenkopfs. Ich frage mich, aus welchem Material das Relief des Schädels in der mutmaßlichen Schatz-Version gewesen sein könnte.



Nachtrag
Bei der Vorbereitung der Publikation sah ich Roussels Werke durch, wobei mir nicht entgehen konnte, dass ein Theaterzettel wie der vom namenlosen Autor beschriebene, in Locus Solus vorkommt, im Kapitel über die Leichen im Glaskäfig, [16] was mich unweigerlich an das Wort Bretons erinnert: „Was mich betrifft, ich werde weiterhin mein Glashaus bewohnen, wo man zu jeder Stunde sehen kann, wer mich besucht; in dem alles, was an den Plafonds und an den Wänden aufgehängt ist, wie durch einen Zauber festhält; wo ich nachts auf einem Glasbett mit Betttüchern aus Glas ruhe; wo mir früher oder später, mit dem Diamanten eingeschrieben, sichtbar wird, wer ich bin.“ [17]
Roussel könnte sehr wohl diese Korrespondenz geschaffen haben, noch dazu, als er, zehn Jahre nach erfolglosem Erscheinen von Locus Solus, dessen Hauptfigur denselben Namen trägt wie er selbst in der Studie seines Psychiaters, sich anstrengt, mit zwei neuen Werken und zwei Bearbeitungen seiner Romane, seine Worte auf der Theaterbühne zu etablieren. Doch weckt diese Konjunktion auch meinen Argwohn hinsichtlich des Wahrheitsgehalts der gefundenen Website, der sich nur durch eine Nachrecherche mildern ließe, für die mir die materiellen Möglichkeiten ermangeln.

Anmerkungen
[1] Jean Starobinski: Wörter unter Wörtern, Die Anagramme von Ferdinand de Sausurre, Frankfurt a.M./Berlin/Wien 1980.
[2] Michel Foucault: Raymond Roussel, Frankfurt a.M. 1989.
[3] U.R.: No. 224, Raymond Roussels Tod auf Reisen, in: Hotelzimmer, Verschwiegener Ort der Geschichten, Hg. Martin Schack, Archive des Alltags 5, Dortmund 1996.
[4] U.R.: Das Heimweh der Insekten, 33 Hörstücke zu Raymond Roussel, Stade 2006.
[5] Michel Butor: Über die Verfahrensweisen Raymond Roussels, in: ders., Repertoire 3, Aufsätze zur modernen Literatur und Musik, München 1965, S.100.
[6] Vorw. zu Raymond Roussel: In Havanna, Als Kanevas gedachte Dokumente, Frankfurt a.M./Paris 1982, S.7. – Mein Exemplar von Grössels Dokumentation über Roussel (München 1977) kam 1985 im Vorfeld einer Aufführung von Der Stern auf der Stirn an einem Hamburger Theater abhanden.
[7] Jean Cocteau: Über Raymond Roussel, in: In Havanna, S.98.
[8] Leonardo Sciascia: Akten betreffend den Tod des Raymond Roussel, in: Rowohlts Literaturmagazin 20, Reinbek 1987.
[9] Foucault, S.11.
[10] Raymond Roussel: Locus Solus, Neuwied/Berlin 1968, S.29.
[11] urian: Blinder Passagier, Raymond Roussel als Reisender, in: Spuren 13, Hg. Karola Bloch, Hamburg 1985.
[12] Hanns Grössel: Nachw. zu Raymond Roussel: Neue Eindrücke aus Afrika/Nouvelles Impressions d’Afrique, München 1980, S.128f.
[13] Vgl. Christian Kellerer: Der Sprung ins Leere, Objet trouvé - Surrealismus - Zen, Köln 1982.
[14] Michel Leiris: Gespräch über Raymond Roussel, in: Rowohlts Literaturmagazin 20, S.45.
[15] Wie Edgar Allan Poe in Der Doppelmord in der Rue Morgue.
[16] Locus Solus, S.222f.
[17] André Breton: Nadja, Frankfurt a.M. 1989, S.15.

[© Uwe Ruprecht]
16.4.07 02:38


Grube aus Worten

Ich bin schlicht erschrocken, als ich den Artikel las. Ich will hier nicht wiederholen, was ich da lesen musste, in einer Zeitung, im Internet, unkommentiert. Nur soviel: junge Menschen sprechen sich dafür aus, gegen Mörder und „Schänder“ die Todesstrafe zu verhängen. So steht es da: „Schänder“. Eine gewisse Partei sagt dasselbe, meint jedoch nicht Vergewaltiger sondern „Kinderschänder“.
Natürlich hat mich nicht erschrocken, dass es so etwas gibt. Dass tumber Trieb mit den immergleichen hohlen Argumenten den Stand der europäischen Zivilisation in Frage stellt. So sind die Menschen halt.
Erschrocken hat mich auch nicht, dass es Schüler sind, die die Stimmung erkundet und dokumentiert haben.
Wo aber hielten sich Lehrer und Redakteure versteckt, die gleichwohl geholfen haben, diese Güllegrube aus Worten in die Welt zu setzen?
Willkürliche Umfragen als Volkes Stimme auszugeben, ist heikel genug. Eingedenk dieser Bedingtheit das Votum nackt darzubieten, ist auch eine Aussage. Offenbar sind Lehrer und Redakteure nicht erschrocken.
Bei solcher Befeuerung aus der geistigen Unterschicht muss nicht wundern, wenn die Stimmung güllemäßig ist. Zur Illustration des Artikels hätte ich ein Flugblatt gewählt, das eine gewisse Partei dieser Tage in denselben Gassen verteilt hat, in denen die Umfrage stattfand: „Für Drogenhandel, Mord und Kinderschändung ist die Todesstrafe einzuführen. ... Nur diese Maßnahmen sichern Recht und Ordnung in Deutschland.“
Und nein, auf die vermeintliche Eigenverantwortung der Schüler können sich Lehrer und Redakteure nicht herausreden. Ihre eigene Verantwortung hätte gerade darin bestanden, es nicht einfach nur geschehen zu lassen.
Über den „sonderbaren Antifaschismus“ der Zeitung hatte sich am Morgen schon jemand ausgelassen, der etwas davon versteht. Am Abend also dieser Beleg für eine verkrüppelte Haltung. Und demnächst an selber Stelle im Blatt die gerechte Empörung über den „braunen Sumpf“.
Wer lacht dahinten? Raustreten! Und jetzt 1.933 Mal aufsagen: „Filbinger war ein Widerstandskämpfer“. Und Lübke und Oberländer, und Kiesinger und Carstens auch. Was ist mit Strauß? War der nicht schon im Kaiserreich in der Opposition? Derweil in einem Stall zu Füßen des Palastes der Lügen reiten die lebenden Leichen von der Linkspartei immer linksherum im Kreis. [© Uwe Ruprecht]
14.4.07 18:22


Die Hatz

Eine unwahre Geschichte
in memoriam Guillaume Apollinaire

„Ablenkung“, bellte der Bürgermeister, „wir brauchen Ablenkung!“ Er schlug mit der Faust auf den Tisch.
Die Runde im Hinterzimmer des Rathauses wartete schweigend. Seit zwei Stunden debattierte der innere Zirkel aus Beamten und Ratsherren das hausgemachte Debakel. Nachdem man die Stadtkasse ausdauernd für die eigenen Steckenpferde geplündert hatte, war sie leer, und alle buchhalterischen Tricks konnten die Wahrheit nicht länger verschleiern. Des besten Einvernehmens zum Trotz hatten die übergeordneten Instanzen eine Prüfung angekündigt; man stand selbst unter Druck und war gezwungen, die schützende Hand vom maroden Gemeinwesen zurückzuziehen.
Keiner der Verantwortlichen wollte auf seine Pfründe verzichten. Die Ausgaben konnten unmöglich reduziert werden, ohne dass die Klientel, der man seinen Posten verdankte, Unmut zeigte. Neue Einnahmequellen waren nicht in Sicht; jedenfalls fielen keinem am Tisch welche ein.
„Ablenkung!“, wiederholte der Bürgermeister.
Die anderen starrten ihn erwartungsvoll an.
„Wir müssen irgendwem die Schuld zuschieben“, erläuterte das Stadtoberhaupt, als es begriff, dass die anderen ihn nicht verstanden.
Zustimmendes Raunen.
„Die Ausländer!“, meldete sich der Baustadtrat zu Wort, den man ob seiner geringen geistigen Gaben hinter seinem Rücken „Hirni“ nannte.
Der Bürgermeister schüttelte den Kopf. „Zu viele, viel zu viele. Und sie könnten sich wehren. Außerdem sind allerhand brave Steuerzahler darunter, die wir nicht vergrätzen sollten.“
„Die Neonazis könnten auf den Zug aufspringen“, wandte ein Parlamentarier der Freiheitlich-Konservativen Sammlungsbewegung ein. „Die würden uns erst richtig Probleme machen.“
„Die Arbeitslosen“, schlug der Kulturstadtrat vor.
„Die werden doch längst in Haftung genommen für alles Mögliche. Für die Misere bei der Krankenversicherung, bei der Rente. Das hilft uns nicht weiter.“
„Und es sind auch so viele“, warf der Leiter des Personalamtes ein. „Es ist zwar unwahrscheinlich, aber wenn sie sich organisieren, kämen da mehr zusammen, als uns beim letzten Mal gewählt haben.“
„Eben“, pflichtete der Bürgermeister bei. „Es muss eine Gruppe sein, die keinen Schaden anrichten kann, wenn wir sie aufs Korn nehmen.“
Der Vorsitzende des Heimatvereins hatte die rettende Idee: „Die Intellektuellen.“
„Wer ist das?“, fragte Hirni, und man erläuterte es ihm umständlich.
„Haben wir denn welche?“, fragte der Gymnasialdirektor und Fraktionsvorsitzende.
„Eigentlich nicht. Das ist ja das Günstige“, meinte der Heimatvereinsvorsitzende. „Wir definieren selbst, um wen es sich handelt.“
„Verstehe“, lächelte der Bürgermeister. „Und wir fangen an mit diesem Dichter, wie heißt er doch gleich?“
„Sie meinen den zugereisten Schriftsteller, der ein Stipendium im Vogelwärterhaus hat?“
„Genau den. Ein Fremder ist er auch, das ist ideal.“
„Aber wir haben doch mächtig Werbung damit gemacht, dass wir fremde Dichter bei uns zu Gast bitten.“
„Na und? Haben wir uns halt eine Laus in den Pelz gesetzt. Kann ja mal passieren. Überhaupt hat sich niemand für diese Gäste interessiert. Sie haben uns in Ruhe gelassen und nichts Gescheites über ihre Aufenthalte geschrieben, woraufhin unsere Stadt auch nicht als poetische Hochburg wahrgenommen wurde. Touristen hat das Ganze jedenfalls nicht gebracht.“
Damit war es abgemacht. Die Hatz konnte beginnen.
Am übernächsten Tag erschien ein Artikel in der Lokalzeitung, der die historische Entwicklung des Intellektuellenunwesens von 1945 bis heute beleuchtete und den Dichter aus dem Vogelwärterhaus zitierte, der ein paar undeutliche Bemerkungen über die kritische Verantwortung des Schriftstellers gemacht haben sollte. Das hatte er in der Tat, vor 20 Jahren, als Student. Seither beschied er sich damit, Verse zu schmieden und seiner Innerlichkeit zu huldigen. Deshalb hatte man ihn ja für das Stipendium ausgewählt.
Intellektuelle, vermittelte der Artikel weiter, seien unnütz, Schmarotzer und Störenfriede, denen die Zersetzung gewachsener Strukturen Lust bereitete. Sadisten, genau genommen. Nicht unerwähnt blieb, dass es in der deutschen Geschichte besonders Juden gewesen seien, die sich als Intellektuelle hervorgetan hätten. Die Heiligkeit des Vaterlands war diesen bekanntlich unbekannt. Sie flohen stets als Erste die Heimat.
In der besten aller Welten, fuhr die Zeitung fort, seien Kritikaster nichts anderes als Terroristen. Außenseiter könne die Volksgemeinschaft um den Preis ihres Überlebens nicht dulden.
In der kommenden Nacht warfen Unbekannte die Scheiben des Vogelwärterhauses ein. Die Polizei veröffentlichte eine Meldung, wonach „aufgebrachte Bürger“ damit auf „Schmähungen“ durch den literarischen Gast reagiert hätten.
Dieser war konsterniert. Er hatte außer einer Handvoll Offiziellen und einer Redakteurin der Lokalzeitung keine Einheimischen kennen gelernt und gar nicht vorgehabt, sich näher mit den Verhältnissen in der Stadt zu befassen. Vielleicht hätte er etwas zum Kritisieren gefunden, wenn er den Mut aufgebracht hätte, sich danach umzuschauen.
Der Dichter wurde von der Polizei vorgeladen und erfuhr, dass er wegen Volksverhetzung angezeigt worden war. Er begriff gar nichts. Die Gastgeber, die sich mit ihm händeschüttelnd für die Zeitung hatten fotografieren lassen, ließen sich am Telefon verleugnen.
Als der Schreiberling von der Polizeiwache ins Vogelwärterhaus zurückkehrte, prangte auf der Tür ein Graffiti: „Lyrik ist Verbrechen“. Er packte seine Koffer und verschwand eilig aus der Stadt.
Über die Lokalzeitung ließ das Rathaus Kriterien verbreiten, woran man Intellektuelle erkennen könne. An ihrem Aussehen, schrieb das Blatt, könne man sie leider nicht zweifelsfrei identifizieren, wiewohl ein abwesender Blick ein Indiz sein könnte ebenso wie eine altmodische Brille, lange Haare oder eine Nachlässigkeit bei der Bekleidung. Achten sollte man darauf, ob sich jemand womöglich des Gebrauchs von Fremdwörtern befleißigte. Ganz allgemein sei jeder verdächtig, der Unmut über die herrschenden Zustände äußere.
Die Buchhändler wurden angehalten, auf Kunden zu achten, die philosophische und gesellschaftskritische Werke bestellten; vorrätig hatte man dergleichen ohnehin nicht. Ziemlich bald gerieten die Besucher der Stadtbibliothek ins Visier. Die Regale mit den Sachbüchern wurden zur verbotenen Zone. Kinder, die die Bibliothek aufsuchten, machten einen Sport daraus, auf jeden, der sich den Regalen näherte, mit dem Finger zu zeigen und „Denker“ zu brüllen. Obwohl die Mitarbeiter der Bibliothek Protest einlegten, untersagte das Rathaus schließlich die Entleihe von Sachbüchern.
Wer auf dem Marktplatz abfällige Bemerkungen über die Regierung machte, musste gewahr sein, vom nächstbesten Passanten angepöbelt zu werden. Bäckereifachverkäuferinnen erlitten Nervenkrisen, wenn ein Kunde seine Bestellung im ganzen Satz vorbrachte.
Die Leitung des Stadttheaters teilte der Presse mit, es würde sein Programm säubern. Stücke mit Intellektuellen als Hauptfigur wie Goethes Faust, betonte man, habe man ohnehin nie auf dem Spielplan gehabt.
Ein diensteifriger Oberstudienrat verfasste das Pamphlet Die Totdenker, das von der Lokalzeitung in Auszügen dokumentiert wurde. In Leserbriefen wurde ihm vorgehalten, sich damit selbst als Intellektueller entlarvt zu haben. Die Debatte zog sich eine Woche lang hin. Dann wurde das Verfassen von Leserbriefen selbst als intellektuelles Verbrechen deklariert.
Vorträge zu abstrakten Themen wurden abgesagt, die Literaturkurse der Volkshochschule gestrichen. Germanistik-Studenten wurde von ihren Vermietern fristlos gekündigt. Die Redakteure der Lokalzeitung konnten sich erfolgreich gegen den Vorwurf wehren, gelegentlich intellektuellen Anwandlungen zu unterliegen. Zum Beweis verstärkten sie ihre Lobeshymnen auf das Bestehende.
Dichtergräber, die man hätte schänden können, gab es nicht. Wenn je ein Literat sich in die Stadt verirrt hatte, war er nach kurzem Aufenthalt geflohen; keiner hatte hier sterben wollen. Ersatzweise zertrümmerte der Pöbel den Grabstein eines Advokaten, der rechtsphilosophische Abhandlungen verfasste hatte.
Die Polizei wurde immer wieder zum Einsatz gerufen, wenn ein Passant in der Innenstadt zwei andere bei einem Gespräch belauscht hatte, das er nicht verstand.
Ein Bürger reichte eine Petition ein, man möge die Melodie, die das Glockenspiel am Rathaus halbstündlich erklingen ließ, ändern. „Die Gedanken sind frei“ sei kriminell, fand er; man habe gar nicht zu denken.
Die Partei der Konvertierten Kommunisten, die nicht zum inneren Zirkel des Rathauses gehörte, entwickelte um so größeren Verfolgungseifer und legte der Staatsanwaltschaft eine Liste mit Websites vor, die sie verboten haben wollte. Auf ihrer eigenen Homepage veröffentlichte sie, gekrönt von einem einschlägigen Zitat des Genossen Stalin, Namen, Adressen und Fotos von externen und parteiinternen Kritikern.
Ein einheimischer Abgeordneter brachte im Landtag einen Gesetzesentwurf ein, um den Gebrauch des Wortes „Demokratie“ unter bestimmten Umständen unter Strafe zu stellen. Politische Debatten in der Öffentlichkeit, erhielt er spontane Unterstützung aus allen Fraktionen, seien ein Übel, das schärfstens bekämpft werden müsse.
Die Zustände in Kackstadt erregten endlich überregionale Aufmerksamkeit. Zeitungen aus Berlin und Frankfurt am Main entsandten Reporter, die verblüfft durch die Straßen streiften und rasch verängstigt wieder abreisten. Weil sie kritische Fragen stellten, hatten ihre Gesprächspartner ihnen Schläge angedroht; besonders arg war es ihnen in den Behörden ergangen, wo die Beamten schäumten und sich über nie gesehene Denker erregten. Inspiriert durch die Presseberichte erwogen Entscheidungsträger in anderen Rathäusern, das Modell der Hatz auf ihre Kommunen zu übertragen.
Der exilierte Dichter aus dem Vogelwärterhaus meldete sich bei einem TV-Sender lautstark zu Wort und kritisierte aus der Ferne die Verhältnisse in der Stadt, die er nicht näher kennen gelernt hatte. Er prägte einen Satz über die Geisteshaltung in Kackstadt, der in allen Medien vervielfältigt wurde: „Das Denken sollte man den Pferden überlassen, die haben den größeren Kopf, und für Dichtung sind die Klempner zuständig.“
Als einige Wochen Hatz ins Land gegangen waren, ließ der Stadtrat Schilder an den Ortseinfahrten aufstellen: „Wir sind intellektuellenfrei“. Nach sorgfältigen Beratungen des inneren Zirkels wurde die zunächst für Karfreitag vorgesehene rituelle Bücherverbrennung wieder abgesetzt. Kaufleute hatten Bedenken gegen die Pogromstimmung in der Stadt angemeldet. Nicht, dass diese sie selbst irritiert hätte, aber ihre Geschäftspartner, zumal jene aus Frankreich, hatten ihnen Vorhaltungen gemacht, auf die ihnen keine Erwiderung einfiel.
Allmählich entspannte sich die Lage, der Volkszorn hatte sich verausgabt und wurde nicht weiter angefeuert. Über dem Hass auf den imaginären Feind waren die tatsächlichen Miseren in Vergessenheit geraten. Bis das nächste Ablenkungsmanöver fällig wäre, konnte der innere Zirkel im Rathaus sich im eigenen Licht sonnen. [© Uwe Ruprecht]
9.4.07 23:55


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