Uwe Ruprecht. Anmerkungen

 

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Neuerscheinung



Elses Lachen, Wahre Kriminalfälle, Edition Temmen Bremen 2009

Noch Jahrzehnte später erzählte man sich im Alten Land die Geschichte vom Mord am Schullehrer – doch die Chroniken schweigen von dem Verbrechen des Jahres 1924 im beschaulichen Dorf Borstel. Auch über die letzten öffentlichen Hinrichtungen auf der Stader Geest gingen nur Geschichten um, denn die Wahrheit über die Hintergründe blieb zwischen Aktendeckeln versteckt. Der erfahrene Journalist und Gerichtsreporter Uwe Ruprecht schildert in 21 Kapiteln historische Kriminalfälle von der Unterelbe und aus Hamburg aus dem 19. und 20. Jahrhundert. Nachrecherchiert und teils aus neuen Quellen heraus aufgezeichnet, lässt er mit vielen Details dramatische Bilder entstehen. Mit einer Einleitung über „Kriminalistische Belletristik oder: Pitaval in Deutschland“ zur Geschichte von True Crime.

344 Seiten, illustriert mit 35 Zeichnungen des Autors.

Inhalt

Edition Temmen Buch-Shop

Krimis, die das Leben schreibt

Hamburger Abendblatt vom 1. Februar 2010

Warum müssen Mordgeschichten immer erfunden sein? Die Archive sind voll von spannenden Fällen. Der Autor Uwe Ruprecht hat in Norddeutschland Verbrechen aus den vergangenen 150 Jahren nachgespürt und sie in einem Buch protokolliert. Irene Jung über das wahre Verbrechen als Literatur, das – wie der Bestseller „Tannöd“ zeigt – immer mehr Leser fesselt.

Mörderische Legende

Auftakt-Artikel zu einer Serie mit 12 Pitavalgeschichten von 1545 bis 1945 in der Kreiszeitung Syke

19.2.10 16:38


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Trotzki in der Küche – Eine Weihnachtsgeschichte

Wenn es draußen den ganzen Tag nicht hell wird, kauern sich die Menschen in den warmen Stuben zusammen. Einiges von dem, was sie dort treiben, geschieht angeblich – in spirituellen Dingen ist der Menschheit nur bedingt zu trauen – zum Lobe ihrer Gottheit.

Die Seele des Menschen ist wie eine misshandelte Katze, behauptete eine bejahrte Artgenossin, die wir im Tierheim trafen, wo man uns Neugeborene vor den Folgen irgendeiner menschlichen Achtlosigkeit rettete. Über das Klettern und Jagen lernten wir im Käfig nicht viel, um so mehr aber über Philosophie. Das gab uns einiges an Gelassenheit mit, um es dauerhaft unter den Menschen zu ertragen.

Unser derzeitiges Revier liegt in einer anscheinend großen Stadt, dem Verkehrslärm nach und wie wir aus den ausschnittweise vom Dach zu erspähenden umlaufenden Straßen schließen, die sich bei klarem Himmel in ein unabsehbares Häusermeer erstrecken. Der Dachgarten ist mit Pflanzen bestückt, auf denen wir uns selbständig im Jagen von Insekten und Vögeln üben können.

Das Revier gehörte schon einmal einem Artgenossen. Die Spuren, die wir allenthalben entdecken, sind untrüglich. Fraglich ist jeweils nur, inwieweit sie Erinnerungsspuren der Menschen sind oder Überreste von Tatsächlichem. Tatsächlich gibt es kaum eine Stelle des Reviers, an dem wir keine Spuren finden. Nur einige wenige, unseren jungen biegsamen Körpern noch zugängliche Stellen, waren frei vom Atem des Vorgängers. Gemiedene Orte erspürten wir nicht.

Uns zeigte dieser Überfluss an Zeichen ohne Weiteres an, dass die Menschen, mit denen wir es zu tun haben würden, uns nicht vorsätzlich einsperren und in der Freiheit beschränken würden. Von den Menschen an sich abgesehen, ist das Leben also einigermaßen erträglich.

Der Vorbewohner des Reviers soll, dem Vernehmen nach, Bakunin geheißen haben. Eine absonderliche Laune. Dass man uns Wassili und Trotzki nennt, ist ein Mysterium, das zu ergründen wir getrost außer Acht lassen können. Hat man je gehört, dass eine Katze anders als mit Verachtung auf die Bezeichnung mit einem Namen reagiert?

Manchmal gelingt es Menschen, uns bei unserem wahren Namen zu nennen, meist aber erkennen sie es nicht, wenn sie die korrekte Lautfolge zufällig treffen. Besser so, denn sie würden unsere Eigensinnigkeit in Gefahr bringen, wüssten sie uns artig anzusprechen. Einigen gelingt die Kommunikation mit den Händen. Manche verstehen die Kratzer als Antwort.

Zuweilen können Menschen recht unterhaltsam sein, wenn sie in Gruppen auftreten und man sich nicht mit einem allein allzu ausgiebig aufhalten muss. Noch waren es nie so viele Menschen im Revier, dass wir nicht reichlich Platz gehabt hätten, ihnen zu entkommen.

An diesem Abend, an dem sie sich bei uns zusammenkauerten, um der Kälte, die in dieser Nacht anstieg, zu entfliehen, waren es gerade so viele, dass sie in der Küche passten und den Rest des Reviers uns überließen – bis auf gelegentliche Ausflüge, von denen wir einige zuließen, andere nicht.

Wir spielten mit dem Dichter aus der Provinz und dem springenden Gummiball im Korridor, während die seltsam verzwickten Gespräche in der Küche begannen.

War es nicht Huizinga, der das Konzept vom Menschen als Homo ludens als erster kultivierte wie einen Gedankengarten? Die Bücherregale, mit denen die Zimmer im Revier reichlich bestückt sind, sind so gebaut, dass wir mit Mühe nur die mittlere Ebene erreichen können, indem wir Absprung von einem Stuhl, vom Fensterbrett oder einem Waschbecken nehmen. Der Huizinga steht nicht in einem erreichbaren Sektor, um es mit einem Sprung herauszureißen, um am Boden einige Passagen nachzuschlagen. Dass er in einem der oberen Regale im Salon steht, ist als sicher anzunehmen. Die Bibliothek des Reviervorstehers ist so umfangreich wie ordentlich sortiert.

Weniger Menschen als sie selbst gemeinhin annehmen, verstehen zu spielen. Sie konzentrieren sich beim Spiel auf den Gewinn, der ihre Überlegenheit unter Beweis stellen soll, statt das Spiel selbst zu achten. Über die Menschen, die unser Revier regelmäßig heimsuchen, lässt sich immerhin sagen, dass sie das Spiel um seiner selbst willen zu schätzen wissen.

Wir hatten den Dichter mit seinem Ball allein gelassen und trieben uns zum Schein am Futternapf zwischen den Beinen der Küchengäste herum, die mit Fußball und Begriffen jonglierten.

Da Menschennamen wenig besagen und keine Not besteht, sie damit anzureden, bezeichnen wir sie untereinander mit Eigenarten, die zugleich das seltsame Gemenge der vorherrschenden Spielrichtungen hinreichend illustrieren.

Im Televisor wurde stumm das Match des HSV gegen einen Baseler Club gezeigt, ohne dass jemand an dem Gekicke sonderlichen Anstoß nahm; Eric Burdon sang von der Befreiung aus dem Ghetto Tobacco Road, und niemand hörte es. Die Philosophin erzählte einen jüdischen Witz, während die drei Fußballfanatiker, von denen einer ein mehrstrophiges Poem über einen Gott des Spiels vortragen sollte, sich über den Stil eines vergessenen Mittelstürmers stritten, und die beiden Fußballphilosophen, die ihr Brot als Journalisten verdienten, gleichzeitig dem Betriebsrat und der Bibliothekarin zuhörten.

Wie der Gummiball sprangen die Gespräche hin und her; vielleicht etwas berechenbarer als jener. Unsere Beteiligung bestand in Ausrufezeichen. Wir passten einen Moment ab, um einem auf den Schoß zu springen, an Schuhen zu knabbern oder zu einer bestimmten Stelle auf dem Tisch zu schleichen und uns dort niederzulassen. Wir schlossen Wetten ab, wer unsere Ansage verstehen würde.

Leider ist das Verhalten der Menschen meist zweideutig. Auf klare Zeichen kriegten wir selten eine klare Antwort. Nach dem jeweiligen Vorstoß, bei dem die Schwierigkeit bestand, den zugreifenden Händen rasch zu entkommen – oder auch nicht – stritten wir uns stets, wer die Wette gewonnen hatte. Einig waren wir uns nur einmal.

Man hatte das Image eines Pressesprechers erörtert, mit dem wenigstens drei am Tisch zu schaffen gehabt hatten, und die Rolle solcher Arbeitsstellen bei der Verschleierung der Wirklichkeit, indem alle Fragen bereitwillig beantwortet werden, mit denen die Medien sich gemeinhin begnügen, um keine anderen gestellt zu bekommen, während es beim HSV gegen Basel weiterhin 0:0 stand und Eric Burdon seinen Pakt mit dem Teufel beschloss, als der seltene Fall beschrieben wurde, wo jemand, statt unbeirrt eine unhaltbar gewordene Position zu verteidigen, deren Schwäche eingestand und, ohne sie gleich mit fliegenden Fahnen zu räumen, die Beharrlichkeit seiner Überzeugung ohne Vernunftgründe eingestand.

Die Philosophin berichtete den unerhörten Vorfall von einer Tagung in einer ausländischen Stadt. Man wusste dort anscheinend – in spirituellen Dingen ist der Menschheit nur bedingt zu trauen –, dass Bockigkeit keine Tugend ist und es klüger sein kann, eine Anschauung zu wechseln statt sie mit Stacheldraht zu umzäunen.

Im assoziativen Sprung gelangte das Küchengeplauder zur Titelkultur in jener Stadt, in der ein akademischer Grad am Türschild nicht Eitelkeit oder Hochstapelei signalisiert, sondern als Zugehörigkeit zur Schicht der geistigen Arbeiter verstanden wird. Einer geistigen Arbeit, die sich nicht in Zins und Zinseszins ausdrückt. Grundlagenforschung in der Physik mag als Nährboden für Kommerz inzwischen gelten dürfen, im Intellektuellen an sich ist der zwecklose Gedanke den Menschen verdächtig.

Wenigstens als Schreckensvision oder Utopie in Buch- oder Feuilletonform muss das Gedankenspiel sich verdinglichen, um gelten gelassen zu werden, und riskiert erst recht, von den Zensurbehörden kassiert zu werden, die hinter jedem freien Gedankenaustausch staatsgefährdende Umtriebe wittern. Ein Gedankenspiel, das die Öffentlichkeit nicht als Bühne sucht, muss in diesem Vorstellungsvisier einen anderen Zweck haben, und der kann demnach nur lichtscheu sein.

Wenigstens als Televisor-Unterhaltung muss sich die geistige Arbeit rechtfertigen lassen, wie bei jenem Philosophen, der einst einer Generation von Studenten einen Weg gewiesen hat, und inzwischen aus Ideen, die für einen Essay gereicht hätte, Prachtbände mit Aphorismen und Abbildungen aufhäuft, deren Versatzstücke in soundsoviel Sendungen wiederholt werden können, ohne je den Anstoß zu erregen, selbst weiter zu denken. Am Ende siegt immer der Jargon, ein ausgeklügeltes Begriffsgezappel, das sich an allem und jedem versucht, aber mit keinem ganz zu Ende kommt, weil es fein für sich bleiben will.

Dieser Philosoph hat zuletzt wohl mit den heiligen Zorn der jungen Männer gestreift, der in Intervallen wieder kehrt, wenn eine Gesellschaft große Gruppen ganzer Generationen von den eigenen Werten ausschließt, ihnen in der Tobacco Road täglich im Televisor Träume vorhält, die ihnen lebenslang unerreichbar bleiben werden.

Wassili sprang auf die Schulter des Betriebsrats und knabberte am Brillenbügel, ich kippte ein halb volles Weinglas mit der Pfote und nippte daraus, bevor ich es umfallen ließ. In diesem Moment erschien der Dichter aus der Provinz in der Tür und warf mir einen Blick zu, bevor er Wassili zurief: „Du bist zu nah an den Ohren, so kann er dich nicht hören“, und ungefragt von einer Begegnung mit Eric Burdon in Altona zu erzählen anfing.

Erst jetzt bemerkte der Reviervorsteher, dass ich vor einer Stunde die Repeat-Taste gedrückt hatte. Auch weil es bei HSV gegen Basel weiterhin 0:0 stand, war das niemandem aufgefallen.

Wassili verdrückte sich aus der Küche – er ist der physischere von uns – und lag auf dem Sofa im Salon, um auf dem Bildschirm einem Kriminalfilm zu gucken. Der Kommissar inspiziert den Tatort, hat einen Gedankenblitz, der genau dem einen entspricht, den der Drehbuchautor hatte, und nun läuft er zwischen Büros und Wohnungen, Straßen und Fabrikhallen hin und her und kostet von den kleinen Leidenschaften der Menschen, um die Komposition zu erschmecken, die ihm die Leiche zum Auftakt beschert hat.

Wassili leckte sich gedankenverloren die Lippen, während der Kommissar zusah, wie ein dicker Gerichtsmediziner, in der Linken ein Butterbrot, mit dem Skalpell der Rechten in den Eingeweiden des rätselhaften Toten stocherte.

In der Küche erörterte man Tierrechte, und ich kam gerade richtig, etwas über jene fremde Stadt zu erfahren, um das positive Vorurteil zu revidieren, das ich mir zu bilden bereit gewesen war. Die Philosophin berichtete, dort mehrfach dem Verdacht begegnet zu sein, die geographische Bezeichnung im Namen einer Organisation sei zureichender Hinweis auf eine suspekte Haltung.

Die Blödheit des Menschen ist unausrottbar. Was seine Blödheit ausheckt, entzieht sich aller Vernunft und gehört zu ihm wie sein genetischer Code. Blödheit ist der unbestreitbarste Bestandteil der Conditio humana. Hat sie etwas ausgekocht, wird es bis zum Boden des Topfes ausgelöffelt, egal wie scheußlich es schmeckt, und als hätten sie sogar stets Hunger danach.

Das Leben ist voller Lücken, voller Misshelligkeiten, die nicht mit den Überzeugungen übereinstimmen, die man vom Leben und seiner Bestandteile hat. Die Menschen verheeren sich am liebsten damit, im Vollbesitz ihrer Widersprüche, die vollkommene Kongruenz der Überzeugungen mit dem Leben zu suchen.

Zwischen Adorno und Fußball, Zuhälter-Philosophen und Eric Burdon schnappte ich ein Wort auf, das den Eindruck, den mir die meisten Menschen machen, treffend charakterisierte. Die Philosophin reservierte das Wort, das sich von einem begabten Feuilletonisten leicht zu einem Begriff aufblähen ließe, verstand ich es Recht, für jene Blöden, die vor nichts mehr Angst haben und zurückzucken als vor eigener Begriffsbildung und jeden der Fallenstellerei verdächtigen, der sich der Mühe unterzieht.

Wie Automaten kommen mir die Menschen in der Mehrzahl vor. Und selbst wir sind nicht gefeit dagegen, je länger wir Umgang mit den automatenhafteren von ihnen haben. Wassili vor dem Televisor ist das beste Beispiel, und ich hielt es ihm umgehend vor.

Er fauchte mich aus dem Mundwinkel an. Der Kommissar konfrontierte soeben einen Verdächtigen mit einem Stück aus dem Brustkorb des Verstorbenen in einer durchsichtigen Plastiktüte, und der Verdächtige brach weinend zusammen und erbrach ein Geständnis. Verächtlich wandte ich mich von Wassili ab und sprang auf das Geländer der Dachterrasse, um balancierend den bescheidenen Begriff der Menschen von Freiheit zu erwägen.

Die Nacht verbrachte ich mit dem Dichter aus der Provinz, der sonst einsam schläft. Die Krallenspuren an den Händen und die eine auf dem Rücken wird er noch tagelang spüren.

24.12.07 11:52


Formen der Auseinandersetzung

Es sei „zum Kotzen“, dieses Interview – denn man spricht nicht mit „Hirnkranken“. Der Interviewte „gehört in den Knast“, und basta. Schreibt Helmut Lölhöffel im blick nach rechts über ein Gespräch, das Michel Friedman mit Horst Mahler geführt hat.
„Man spricht nicht mit Nazis“, dekretiert Lölhöffel. Und als wäre ihm noch rechtzeitig eingefallen, dass er damit Journalisten, die gelegentlich für den blick nach rechts arbeiten und es für angebracht halten, mit denen zu reden, über die sie schreiben, in den Rücken fällt, schiebt er nach: „Jedenfalls nicht mit solchen wie Mahler.“ Kategorische Imperative mit Ausnahmen richten sich selber, auch der von Lölhöffel.
„Es kann nicht gelingen“, befindet Lölhöffel, „Neonazis bloßzustellen und zu entlarven, indem man sie zu Wort kommen lässt. Die Auseinandersetzung muss anders geführt werden.“
Was denn nun – Nazis oder Neonazis? Ich habe mir angewöhnt, den Unterschied nicht zu verwischen: Nazis sind jene, die leibhaftig und tatkräftig teilhatten am Dritten Reich; Neonazis jene, die ihnen nacheifern. Im Zweifelsfall heißt das, die einen haben Verbrechen begangen, die anderen träumen davon.
Auch Kriminalschriftsteller träumen von Verbrechen und der Hartz-IV-Bezieher von nebenan erzählt immerzu von dem Banküberfall, den er eines Tages begehen wird. Erlaubt mir Lölhöffel, mit den Verbrechern, denen ich ein Jahrzehnt lang im Gerichtssaal begegnet bin, zu reden? Oder sind das auch Unpersonen?
(Man könnte ja mal eine Tabelle zeichnen, mit wem wer reden darf und wer mit wem nicht. Ich dachte immer, das sei das Lebenselement der Demokratie: jeder kann mit jedem reden – oder auch nicht, ganz nach eigenem Gusto.)
Dass die deutsche Historiografie es über Jahrzehnte versäumt hat, mit Nazis zu reden, hat unter anderem dazu geführt, dass das Wissen über deren persönliche Täterschaft höchst bruchstückhaft ist. Und die Justiz, die manchen von ihnen in den Knast hätte schicken können, hat es nicht getan. Etwas zu ignorieren ist selten eine angemessene Form der Auseinandersetzung.
Dass es „nicht gelingen“ kann, „Neonazis bloßzustellen und zu entlarven, indem man sie zu Wort kommen lässt“, ist ein fürchterliches Diktum. Ich sehe schon die Kommentare auf einschlägigen Websites vor mir: der blick nach rechts sagt, Neonazis sind argumentativ so auf der Höhe, dass man sie nicht zu fassen kriegt. Vielleicht sollte Lölhöffel probehalber mal mit einem reden. (Bloßstellung und Entlarvung, auf welche Art auf immer erreicht, schreckt Neonazis wenig. Das besorgen sie doch nach Kräften selber.)
Lölhöffel meint etwas ganz anderes, und das macht das Diktum um so gräulicher. Für ihn sind Neonazis „Hirnkranke“. Psychiatrie und Knast wären demnach die angemessenen Umgangsformen. Derlei Mittel haben die Dissidenz in DDR und UdSSR auch nicht aus der Welt geschafft – um keine anderen Vergleiche zu ziehen.
Die Kriminalisierung des gesellschaftlichen, sozialen und politischen Phänomens des Neonazis ist nicht neu, und sie hat, wie nicht nur das Beispiel Mahler zeigt, wenig gebracht. Straftäter sind verurteilt worden oder auch nicht, aber die gesellschaftliche Potenz der Neonazis ist eher gewachsen. In Lölhöffels Erregung schwingt seine Frustration nach.
(Es gibt doch tatsächlich Leute, die erzählen einem von ihrem jahrzehntelangen antifaschistischen Kampf und wie erfolgreich er gewesen sein soll. Wieso führen sie ihn dann immer noch und auf die gleiche Weise? Erfolglosen Antifaschismus hat es demnach nicht zu geben. Manchmal freilich kann es heilsam sein, sein Scheitern einzugestehen und es anderweitig neu zu versuchen.)
„Die Auseinandersetzung muss anders geführt werden“, schreibt Lölhöffel. Ja, wie denn? Mit einem Verbot der NPD, der höchsten Form von Ignoranz, die in seinen Kreisen stets wieder neu diskutiert wird?
Fürchterlich an Lölhöffels geschichtsvergessenem Beitrag ist, dass das Objekt seines Hasses das alles schon einmal andersherum erlebt hat. Als Linker und Mithelfer der RAF. Damals schrieb die BILD über Günter Grass wie der blick nach rechts über Horst Mahler; Franz Josef Strauß prägte das Wort von den „Ratten und Schmeißfliegen“; manche kamen für kürzer oder länger in den Knast, mit denen auch nur zu reden verdächtig war.
Seinerzeit hat Mahler sich tatsächlich strafbar gemacht und Grass blieb in Freiheit. Was sie verbindet ist, dass sie von Publizisten zu Unpersonen erklärt wurden. Sollte das ein Mittel der Auseinandersetzung sein, täte man Mahlers Werk.
Lölhöffel fürchtet, ein Gerichtstermin gegen Mahler könne diesem ein Podium bieten. Geht wohl nicht anders, es sei denn das Gericht tagt hinter verschlossenen Türen. Oder man begreift endlich, dass Polizei und Justiz nicht die ersten und einzigen, sondern die letzten Mittel der Auseinandersetzung sein sollten.
Aber selbst in scheinbar aufgeklärten Publikationen wie dem blick nach rechts fällt den Verantwortlichen nicht Gescheiteres ein. Dass sie sich selbst damit überflüssig oder bestenfalls zum Zulieferer für die Behörden machen, die verkappte Polizeiberichte verfassen, begreifen sie nicht. Journalisten, die mit bestimmten Leuten keine Interviews führen dürfen – soll es auch schon mal gegeben haben.
Lölhöffel hätte stattdessen darüber nachdenken können, ob Michel Friedmans Serie von Interviews mit Neonazis für Vanity Fair nicht nur Kasperletheater, sondern eine Spielart des Antisemitismus sind, der viel mehr über den Zustand der Gesellschaft aussagt, als was immer sich über Horst Mahler schimpfen ließe. Vielleicht sollte der Blick einfach nicht mehr so stur nur in die rechte Ecke gehen, um dort das Böse zu bannen.

13.12.07 13:00


Erinnerungsschub eines alten Mannes

Die Partei „Die Linke“ hat nicht viel Zeit verloren, um nach Wiedereröffnung dieses Weblogs erneut das Denunziationsrad zu drehen. Wahrscheinlich ist es damit wie mit all ihren Aktivitäten: Sie wissen nicht, was sie tun.
Inzwischen sollten sie gelernt haben, dass Verleumdungen mich bestenfalls amüsieren. Für mehr als Heckenschützerei reicht es nicht. Lauter kleine Feiglinge, diese „Linken“.
(Ich werde die wenigen Leser dieser Zeilen nicht mit Einzelheiten aufhalten; erst gestern Abend habe ich mit einem kurdischen Bekannten darüber gelacht.)
In mancher Hinsicht erinnern sie mich an die Schanzenkrieger. Achtung, jetzt kommt eine Veteranengeschichte. Vielleicht ist das der Unterschied zwischen den „Linken“ von Stade und Buxtehude und ihrem einzigen ernsthaften Kritiker: mein Erfahrungsvorsprung im linken Milieu (das in der Provinz ohnehin eine sehr begrenzte Reichweite hat).

*

Mit Gegenstimmen aus den eigenen Reihen gehen Linksbündler mit geringem politischem Reflexionsvermögen stets besonders schonungslos um. Die Redaktion der taz-hamburg, für die ich zwischen 1982 und 1990 arbeitete, konnte dazu mehrfach ein Klagelied singen.
In jener Epoche musste man sich als „linker Journalist“ Zutritt zu Pressekonferenzen erschleichen und durfte froh sein, am Katzentisch Platz nehmen zu dürfen. Mein Kritikerplatz im Schauspielhaus wanderte peu à peu vom Oberrang ins Parkett.
Journalisten, die ihren Beruf als Berufung begreifen, sitzen immer zwischen den Stühlen. In jenen Tagen wurde ein inzwischen verstorbener Redakteur von Kundschaft aus der Hafenstraße ins Krankenhaus geprügelt. Zuweilen fackeln bestimmte Linke so wenig wie ihre rechten Zwillinge und kriegen den Vernichtungswillen.
In jenem Jahr 1988 geriet ein Fotograf, der sich „hans-karl“ nannte, mit „urian“ in das wechselseitige Steinewürfen zwischen aufmarschierten Neonazis und Gegendemonstranten. Das freundliche Feuer im Rücken war mindestens ebenso übel wie das von vorne.
Außer dem taz-Reporter war bei solchen Anlässen niemand zugegen, galt Rechtsextremismus für die übrigen Medien der Hansestadt als Phänomen, das verschwindet, wenn man nicht darüber redet. Obwohl bereits 1985 Ramazan Avci auf offener Straße am hellichten Tag unweit der Kunsthochschule von Skinheads erschlagen worden war.
Linke wie Rechte stürzen sich bisweilen nicht auf die, gegen die anzutreten sie vorgeben, sondern verbeißen konkurrierende Ansichten aus dem eigenen Milieu. Das liegt in der Natur des Rudels am Rand. (An mancher von den Hafenstraßen-Legenden auf St. Pauli habe ich mich selbst schuldig gemacht.)

*

Vor 19 Jahren erwischte mich schon einmal ein links drehender Plumpssack. Eine Parallele zur Gegenwart ist aufdringlich. Damals wie heute missfiel ich solchen, die meinen, Politik machen zu müssen, auch wenn ihre Kenntnisse auf gelegentliche Zeitungslektüre, ausgiebigen TV-Konsum und halb vergessene Internet-Funde beschränkt sind. Die partout nicht hören wollen, wie schädlich ihre talentlose Ahnungslosigkeit für sich und andere ist.
(In Die Warzenentenzüchter, Aspekte politischer Vereinsmeierei, Abhandlung in Anmerkungen, Stade 2006/07, Abschnitt 3, Kapitel 5, entdecke ich eben die Fußnote, wonach in der Ausgabe vom Freitag das Neue Deutschland über Bremen berichtet, was Leser der Lokalpresse und dieses Weblogs seit langem von Elbe-Weser wissen: „Buchhaltung aus dem Schuhkarton“, Intrigenstadl, Sitzungsmarathons in eigener Sache – aber keine Spur von politischer Arbeit.)
Zurück zur Geschichte: Ich hatte einen Artikel über den aktuellen Stand des gerade einsetzenden politischen Ringens um die Flora im Schanzenviertel verfasst. Das Gebäude sollte abgerissen werden, um an seiner Stelle jenes Musical-Theater zu errichten, das heutigentags an der Stresemannstraße aufragt. Der Bau hätte das Quartier unwiderruflich zerstört.
Jenen Widerstand, der später in Straßenschlachten mündete, gab es noch nicht. Noch wurde versucht, den Abriss mit denkmalschützerischen Argumenten zu verhindern.
Weil ich mich als Letzter in der Redaktion mit dem Thema beschäftigt hatte, wurde ich als Berichterstatter zu einem Treffen entsandt, bei dem über Widerstandsmaßnahmen beraten werden sollte.
Inmitten der in schwarzes Leder gewandten Gestalten fiel ich sofort auf. Ich trug einen Ledermantel der 50er-Jahre in Braun, der bei erstaunlich vielen Leuten Gestapo-Assoziationen aufkommen ließ.
Weniges widert mich mehr an als Uniformen und ihre Tarn-Version als Kleider-Codes. Diejenigen, denen der Mantel genügte, konnte ich gleich wieder vergessen. Die interessantesten Begegnungen im Mantel waren jene, bei denen ich für die aufgesetzte Ironie nur ein mitleidiges Lächeln erntete.
Während man zögerlich beriet, hielt man mich misstrauisch im Auge. Bei einem solchen Treffen stellt niemand sich mit Namen vor, und es geben sich keine Führer zu erkennen, bei denen man sich anmelden könnte.
Bevor ich Gelegenheit bekam, meine Funktion zu erklären, überhäuften mich die Blicke – aber niemand fragte einfach, wer ich denn sei. Wenn ihr das so haben wollt, dachte ich mir, kann ich die Rolle spielen; euch muss das peinlicher sein als mir.
Es dauerte nicht lange, bis man eifrig nach „Aktion“ rief und die Versammlung sich darauf konzentrierte, „Aktionsformen“ zu erörtern.
Man bildet sich als Journalist die ganze Zeit ein, irgend jemand würde das Zeug, das man verfasst, lesen. In diesem Kreis, der großformatige „Aktionen“ gegen den Abriss der Flora ins Auge fasste, erwartete ich mit Recht, wie ich bis heute glaube, dass man immerhin über den letzten Stand der politischen Bemühungen im Bilde hätte sein sollen. Und dafür gab es nur eine einzige öffentliche Quelle.
Die Versammlung spekulierte lange darüber, wie es mit dem Denkmalschutz bestellt sei, und mancher meldete sich mit überholten Informationen zu Wort. Wer meinen wenige Tage alten Artikel gelesen hatte, behielt es für sich. „Aktion“ blieb das Wort des Abends.
Ältere Herren, die andere Verantwortung hätten zeigen können, taten sich als Aufpeitscher hervor. Inzwischen selbst ergraut finde ich es nach wie vor gruselig, wenn jemand anderen zu Taten rät, vor denen er sich selbst hütet.
Endlich, nach einer Stunde etwa, fasste jemand Mut und fragte – wohl bevor er bei seiner Wortmeldung etwas Verschwörerisches gesagt hätte – in scharfem Ton, für wen ich spioniere. Ich antwortete militärisch knapp und fiel zurück in das Schweigen des Beobachters.
Eine Nacht später schrieb ich eine Glosse über die Schanzenkrieger, die vor allem gerne los marschieren und drauf schlagen. Nach den stattgehabten Straßenschlachten und der abgewendeten Zerstörung des Quartiers, halte ich Gewalt in welcher Form weiterhin für ein Mittel, das nie freiwillig in Betracht kommen sollte. Wenigstens sollte man sich bemüht haben, andere Optionen gehörig zu ventilieren, bevor man meint, zum einem Knüppel greifen zu müssen.

*

Am übernächsten Tag erreichte mich ein Brandanruf der Redaktion. Eine Delegation aus dem Schanzenviertel verlangte nach mir. Ich wohnte nur zwei Minuten entfernt und traf rechtzeitig genug ein, bevor vielleicht etwas zu Bruch gegangen wäre.
Es war kurz vor oder nach diesem Vorfall, dass autonome Tierrechtler die Redaktionsräume mit totem Geflügel und roter Farbe neu gestaltet hatten. Als freier Autor, der sich dort nicht aufhalten musste, konnte ich das eher sportlich sehen.
Die Tierrechtler beschwichtigte ich mit einer Reportage über den Tag der offenen Tür im Schlachthof, bei dem die Besucher dort entlang geführt wurden, wo sonst Schweine und Rinder ihrem Tod entgegen getrieben werden; auf dem Rollenthäuter wurde ein Transparent entrollt und rote Farbe verspritzt.
Wie im schlechten Western verhängten die Schanzenkrieger das Verbot, mich im Viertel blicken zu lassen. Als am selben Tag die Entscheidung anstand, wo das Abendessen einzunehmen sei, ging ich mit einem Freund in mein griechisches Stammlokal, auf der Ecke gegenüber der Flora.
Natürlich tauchte der Wortführer der Delegation der Schanzenkrieger auf und maß mich mit Blicken. Ihm war inzwischen wohl klar, dass mein Schweigen einen Preis hätte, den er nicht bezahlen wollte.

*

Während ich dies schreibe, erreicht mich ein Anruf und weist mich auf den Bericht der Lokalzeitung über die gestrige Kreistagssitzung hin.
Noch so ein „linker“ Fauxpas. Wie es scheint hat der Abgeordnete der NPD die Gelegenheit eines „linken“ Antrags genutzt, um über eine in Polen liegende Ortschaft, die auch im Artikel auf deutsch Goldap genannt wird, zu spekulieren, es handele sich, wie Gdansk und Szczecin, um „deutsche Städte wie Berlin – wir werden zu gegebener Zeit darauf zurückkommen“.
Dem Artikel nach war es nicht der linke Abgeordnete, der den Anstoß lieferte, welcher „den Konsens aller anderen Kreistagsabgeordneten dagegen hielt“, sondern ein gewisser Grüner, von dem sich sagen lässt, dass er eine Haltung nicht nur pro forma einnimmt und sich aus dem Staub macht, wenn sie gefordert ist.
Nicht, dass vom Abgeordneten der „Linken“ etwas anderes zu erwarten gewesen wäre. Man schickt keine Leute ohne Asbest ins Feuer. Nur „Die Linke“ tut das. Verheizen wird das wohl genannt.

11.12.07 20:35


Projekt Orwell in den Medien, Fortsetzung

Journalistische Sorgfaltspflicht? Auf welchem Stern leben Sie? Für einen Artikel in der, sagen wir: junge welt, bekommt der Autor zwanzig oder dreißig Euro Honorar. Glauben Sie etwa, dafür fährt er von Hamburg, wo er als freier Autor lebt, nach Stade und recherchiert?
Er wertet vielmehr vorhandene Artikel aus, klaubt sich zusammen, was ihm passend erscheint und führt, bestenfalls, ein oder zwei Telefonate.
Das soll kein Vorwurf an den Autor sein, der die Bedingungen, unter denen Zeitungsartikel entstehen, schließlich nicht diktiert. Es kommt schließlich auch nicht darauf an, ob der Artikel irgendeine Wahrheit enthält.
So steht in der junge welt über das „Projekt Orwell“ im Altländer Viertel, die flächendeckende Videoüberwachung des Ghettos von Stade, unter anderen, diese „hatten die Wohnungseigentümer unlängst beschlossen“. Abgesehen von dem, was zum Anteil der Wohnungseigentümer zu sagen wäre, ist „unlängst“ gelogen.
Nicht, dass der Autor des Artikels darum nicht hätte wissen können. Zumindest hätte er mit einer simplen Suchmaschinenanfrage herausgefunden, dass bereits im Januar über die Verwirklichung dessen, was „unlängst“ beschlossen worden war, berichtet wurde.
Ähnlich sonderbar ist die Zeitauffassung des Autors im Zusammenhang mit dem Chipkarten-System für die Müllentsorgung im Altländer Viertel, die er en passant erwähnt und dabei einen Namen fallen lässt, den er falsch schreibt: „Damit lasse sich jetzt exakt nachprüfen, wer um welche Uhrzeit Müll eingeworfen habe.“ „Jetzt“ suggeriert, dass dies System frisch sei. Aber auch damit muss man im Altländer Viertel schon länger leben, seit etwa zwei Jahren.
Zeitungen haben Neuigkeiten zu berichten, und auch wenn das „Projekt Orwell“ und was damit zusammenhängt, tatsächlich nicht neu ist, sondern nur gerade jetzt von den Medien entdeckt wurde, simulieren sie die Frische ihrer Information. Um seinen Artikel zu verkaufen, hat der Autor übertrieben getrickst. Ein „unlängst“ oder „jetzt“ hätte gereicht.
Aber es merkt ja keiner. Es sei immerhin denen gesagt, die mit junge welt unterm Arm als Ausweis für ihre höhere Gesinnung herumlaufen. Die Kommunisten kochen auch nur mit Wasser.

9.12.07 07:15


Soweit die Füße tragen

Premiere eines Films über das Frauen-Arbeitslager in Horneburg

Adornos Diktum, nach Auschwitz könne kein Gedicht mehr geschrieben werden, ist überholt. Wahr bleibt daran, dass der Holocaust kein Sujet wie andere ist. Ihn zu leugnen steht bekanntlich unter Strafe. Gestern Abend hatte in Hüll ein Film Premiere, der die Verbrechen der Nationalsozialisten gewiss nicht bestreitet, aber subtil verleugnet, indem er damit ein vermeintlich „künstlerisches“ Allotria treibt.
Wege nach Horneburg bezieht sich auf ein Frauen-Arbeitslager als Außenstelle des KZ Neuengamme. „Bezieht sich auf“ ist das Äußerste, was sich über die Auseinandersetzung der Macher mit ihrem vorgeblichen Thema erkennen lässt. Ich selbst bin mit den historischen Einzelheiten nicht sonderlich vertraut – nach diesem Film habe ich den Eindruck, weniger zu wissen als vorher; als habe der Film die Eigenart, bereits vorhandene Kenntnisse auszulöschen.
Der Text des halbstündigen Opus besteht zu drei Vierteln, wenn nicht mehr, aus Gedichten einer mit 18 Jahren von den Nazis ermordeten Frau. Mit Horneburg hat sie nichts zu tun. Das allein wäre kein Einwand, wenn ihre Lyrik in irgendeiner anderen Art Aufschluss gegeben könnte über die Zwangsarbeit in Horneburg. Doch handelt es sich um Liebesgedichte.
Der Film suggeriert, die in den Gedichten anklingenden Jungmädchenträume hätten etwas mit den jungen Frauen zu tun, die in Horneburg misshandelt wurden. Mag sein. Dazu könnte einem manches einfallen, das der Film dann auch nicht zeigt. Jedenfalls erzählen die Zeitzeuginnen, die auch mal zu Wort kommen, nichts dergleichen. Anders sind die Vermutungen und Vorlieben der Filmemacher ebenfalls nicht begründet. Sie werden offenbar nur aufgestellt, um daraus Bilder zu gewinnen. Es hätten auch andere sein können. Andere Mutmaßungen, andere Bilder, andere Filmemacherträume.
Eine der Zeitzeuginnen sagt ausdrücklich, dass sie und ihre Leidensgenossinnen Holzpantinen getragen hätten auf dem Weg durch Horneburg von ihrer Baracke zur Arbeit und zurück. Das hallte weit auf dem Kopfsteinpflaster.
Historische Details interessieren die Filmemacher nicht. Ein einziges Bild, das so oft wiederholt wird, bis diese Einfallslosigkeit unerträglich wird, prägt den Film: Füße, die von links nach rechts oder von rechts nach links durchs Bild laufen. Füße mit allen möglichen Formen von Schuhen. Das sollen die Füße der Geschundenen sein. Wahrscheinlich werden die Macher sich auf „künstlerische Freiheit“ herausreden, warum sie sich ohne Not über die historische Wahrheit hinweg setzen. Sie achten gar nicht erst darauf.
Um das Motiv der Jungmädchenträume scheinbar zu vertiefen, werden den laufenden Füßen die Gesichter junger Frauen der Gegenwart überblendet. Gut genährte Wohlstandsgesichter, die wiederum nur die Einfälle der Filmemacher beleuchten, aber nicht das Elend, wovon zu fabulieren vorgeben wird.
Ein zweites, immer wiederholtes Bild soll den Arbeitsplatz der Frauen in Horneburg symbolisieren, eine Fabrik, in der Glühfäden für Radio-Röhren hergestellt wurden. Weil der Film ja ein „Essayfilm“ sein will und dokumentarische Aufnahmen ihm zu ordinär sind, wird nicht gar nicht erst versucht, den wirklichen Arbeitsplatz anzudeuten. Man lässt Hände mit den Innereien alter Radios spielen. Röhren werden mit den Fingerspitzen gedreht als handele es sich um Kostbarkeiten. Sähe so die Zwangsarbeit aus, müsste es sich um einen gemütlichen Job gehandelt haben. Mal abgesehen davon, dass die Frauen in Horneburg gar keine fertigen Röhren in die Hand bekamen.
Stimmen die eigenen Bilder schon nicht, geht die Abneigung der Filmemacher gegen authentisches Bildmaterial so weit, dass sie eine Modelleisenbahn durch eine Kiesgrube haben fahren lassen, um diesen Weg nach Horneburg zu bebildern. Einmal wird auch eine Aufnahme des Bahnhofs eingeschnitten, aber die identifiziert nur, wer Horneburg kennt. Mit profanen Erläuterungen gibt sich der „Kunstfilm“ nicht ab.
Leitmotiv und anscheinend das Einzige, was die Filmemacher von den Tatsachen annehmen, ist also der zwei Mal tägliche Gang der Zwangsarbeiterinnen von ihren Baracken zum Arbeitsplatz, mitten durch den Ort, in aller Öffentlichkeit. Ein deutscher Zeitzeuge erinnert sich, als Knabe den Zug der Frauen gesehen zu haben und sein Blick durch ein Astloch wieder dramatisch nachgestellt. Alle im Dorf haben es zur Kenntnis nehmen müssen.
Wer Horneburg kennt, kann es sich leicht vorstellen, kennt vielleicht sogar die Strecke genau. Wer den Film sieht, erfährt nicht mehr dazu, erhält nicht den Hauch einer bildlichen Vorstellung, wie öffentlich die Zwangsarbeit auf dem Dorf gewesen sein könnte. Dazu hätte man sich etwas einfallen lassen müssen, um es zu vermitteln – als laufende Füße zu Liebesgedichten. Die paar historischen Stadtansichten, die überblendet werden, stammen nicht aus den 40er-Jahren und zeigen menschenleere Gassen. Vielleicht hat also doch keiner etwas sehen können? Oder nur durch ein Astloch?
Ich wäre hoch erfreut gewesen, einmal etwas anderes als einen üblichen Dokumentarfilm zu sehen. Es wäre eine Herausforderung, andere Wege der Darstellung zu suchen und einen Filmessay (wie die Gattungsbezeichnung übrigens korrekt lautet) wert. An Geld hat es diesen Machern dem Vernehmen nach nicht gemangelt. Die geistige Mindestvoraussetzung wäre gewesen, sich auf sein Thema einzulassen.
Wege nach Horneburg wollte vor allem und fast ausschließlich einen eigenen Weg beschreiten. Dabei haben sich die Macher so weit vom Thema entfernt, dass man fast nur etwas über ihre eigenen Ambitionen erfährt. Kunst wollte man machen, unbedingt, als wäre das Wollen schon die Sache selbst.
Erreicht die Kunst nicht einmal den selbst gewählten Gegenstand, ist sie bestenfalls Kunsthandwerk. Doch auch dazu reicht es nicht. Mit einer halben Stunde ist der Film mehr als doppelt so lang wie er selbst bei völliger Ignoranz seiner Aussage sein dürfte. Sein Informationsgehalt ließe sich in fünf Minuten transportieren: Man würde die Zeitzeugen hören und die zwei oder drei Informationsblöcke. Der Rest ist „ästhetisches“ Gedudel.
Ich stelle mir vor, einer wie die Schüler, die als Fußgänger an dem Film mitgewirkt haben, hätte erstmals durch dieses Opus von dem Arbeitslager in Horneburg erfahren. Die Zeitzeuginnen vermitteln etwas davon, und ihnen hätte ich gern länger zugehört. Die Filmemacher verweilen nicht einmal auf ihren Gesichtern, sondern überblenden gleich wieder die laufenden Füße, ihr Bild, auf das sie so stolz sind. Die hypothetischen Schüler, vor denen man diesen Film hoffentlich fernhält, würden sich denken können, Holocaust wäre wohl nicht so schlimm gewesen, wenn dabei noch Gedichte entstanden.
Es sei „kein schöner Anblick“ gewesen, wiederholt der Horneburger Zeitzeuge mehrmals über die durch den Ort getriebenen jungen Frauen. Ob das wirklich alles ist, was ihm über sechzig Jahre später dazu einfällt und warum das so ist oder was es sonst noch über die Reaktion der Bevölkerung vor Ort zu sagen gäbe – damit hält der Film sich nicht auf. Vielmehr scheint er bemüht, selbst dieses vage Diktum zu dementieren und will aus der Zwangsarbeit „schöne“ Bilder gewinnen, wie seine Autoren sie mit Kunst verwechseln.
Das einzige Bild des Films, das nicht nur Tand ist, sind zum Auftakt die Aufnahmen vom Abriss der Lagerbaracken vor drei Jahren. Die Geschichte des Umgangs von Horneburg mit diesem „Schandfleck“ hätte allein einen Film gelohnt. Am Ende sieht man in diesem die eingeebnete Fläche.
Eine Art Abriss und Einebnung unternimmt der Film selbst, und seine Autoren haben schwerlich die Ironie ihrer eigenen Rahmenmontage begriffen. Vielleicht haben sie sich sogar eingebildet, damit eine Mahnung zu formulieren. Ihr Versagen trägt vielmehr zu dem bei, womit sie subjektiv gewiss nicht in Verbindung gebracht werden möchten.
Das ist die Crux des puren Kunstwollens, das nicht zur Kunst gereicht: Dass etwas entsteht, das man gar nicht gewollt hat, weil man sich schon über sein Wollen nicht klar genug war. Weil man nur gewollt, aber mit nichts gerungen hat, um zu einem Werk zu gelangen.

8.12.07 07:01


Wortwahl

Zwei „Russen“ haben einen Taxifahrer entführt, lese ich in der Lokalzeitung. Steht so da, Russen in Anführungszeichen.
Das Wort und seine Kennzeichnung werfen mehrere Fragen auf.
Zunächst einmal die, ob die scheinbare Nationalität der Straftäter zur Sache gehört. „Deutsche haben einen Taxifahrer entführt“ wäre als Zeile offenkundig sinnlos. Die Entscheidung, die Nationalität hervorzuheben, ist in jedem Falle ein Diskriminierungsversuch – sofern die Tat nicht in irgendeiner Form durch die Nationalität erklärt wird. Das ist hier offenkundig nicht der Fall. Wenn deutsche Touristen einen Taxifahrer in Frankreich entführen oder ein Franzose in Deutschland einen Mord begeht – dann könnte man immerhin in Erwägung ziehen, dass die nationale Andersartigkeit von Beachtung wäre.
Hier handelt es sich außerdem nicht um Russen, sondern um solche in Anführungszeichen. Also eigentlich: Deutsche haben einen Taxifahrer entführt.
Freilich herrscht das Vorteil, Russlanddeutsche seien anfälliger für Kriminalität. Es herrscht auch im Verbreitungsgebiet der Lokalzeitung.
Anders als über die Integration von „Ausländern“, womit oft genug Sprößlinge aus Migrantenfamilien mit deutschen Pass gemeint sind, wird über das Eingegliedertsein von Russlanddeutschen beharrlich geschwiegen. Taucht diese Bevölkerungsgruppe in Medien auf, dann stets in Zusammenhang mit Verbrechen.
Auch die Lokalzeitung hat zum Thema keine näheren Erkenntnisse verbreitet. Als ich vor geraumer Zeit eine Recherche anstellte, waren es acht Prozent der Einwohner der Kleinstadt, in der sie erscheint. Die Haltung der Zeitung zu dieser unbekannten großen Minderheit (gegenüber welcher Mehrheit?) besteht aus Schweigen und der gelegentlichen Kennzeichnung als „Russen“, die Straftaten begehen.
Man hätte von Russlanddeutschen schreiben können und damit das Vorurteil gleichermaßen gefüttert. Man ging noch weiter und zitierte Volkes Meinung, wonach die Russlanddeutschen keine Deutschen, sondern Russen sind. Man vergaß nicht die Anführungszeichen, weil man auf den Anschein wert legt, sich diese Ansicht nicht zu eigen zu machen. Man denkt wie der Plebs, wahrt aber vornehme Distanz, wenn man redet wie er.
Es handelt sich sogar um eine doppelte Fremdheit, die in dem Artikel beschworen wird. Die „Russen“ nämlich kamen von weither, aus einem anderen Bundesland, und landeten nur zufällig mit ihrem Opfer im Verbreitungsgebiet der Zeitung. „Russen“ zwar, aber keine einheimischen.
Das Böse, wird der Leser ein weiteres Mal vergewissert, kommt von außerhalb und hat eigentlich nichts mit ihm zu tun.
3.12.07 18:35


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